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Die Redak­tion

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Stadtgeschichte 16: Die Gegenreformation

Koblenz. Große Ent­de­ckun­gen, gra­vie­rende poli­ti­sche Umwäl­zun­gen, enorme Fort­schritte in Kul­tur und Wis­sen­schaft, aber auch reli­giös moti­vierte Ver­fol­gun­gen, Fol­ter und rau­chende Schei­ter­hau­fen: Das 16. Jahr­hun­dert konnte wider­sprüch­li­cher nicht sein. Die kon­fes­sio­nel­len Gegen­sätze erschüt­ter­ten weite Teile Euro­pas in den Grund­fes­ten. Beson­ders Frank­reich und die deut­schen Staa­ten wur­den in Kriege und Bür­ger­kriege verwickelt.

Es war die Zeit selbst­herr­li­cher Fürs­ten, die keine Skru­pel davor hat­ten, ihr eige­nes Volk mit immer neuen For­men der Unter­drü­ckung zu kon­fron­tie­ren. Ange­sichts der ste­ti­gen Abfolge von Kon­flik­ten muss man sich schon fast wun­dern, dass es in Koblenz weit­ge­hend ruhig blieb. Seit der Nie­der­wer­fung des Auf­stands des Franz von Sickin­gen wur­den refor­ma­to­ri­sche und auf­rüh­re­ri­sche Ideen bes­ten­falls hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand ver­brei­tet. Und die Trie­rer Kur­fürs­ten dräng­ten mit Macht dar­auf, dass auch in Koblenz als Haupt­stadt des Nie­der­erz­stif­tes alles beim Alten blieb. Wer mit sei­nen Äuße­run­gen zu weit ging, musste mit dra­ko­ni­schen Stra­fen rech­nen. So wurde 1520 ein Ket­zer aus Win­nin­gen in Koblenz ver­brannt, fünf Jahre spä­ter folgte die Hin­rich­tung des Luthe­ra­ners Peter Has.

Sinnbild der Gegenreformation: Renaissanceportal und Rosette der von 1613 bis 1617 erbauten, im Zweiten Weltkrieg jedoch weitgehend zerstörten historischen Jesuitenkirche. Foto: Reinhard Kallenbach

Sinn­bild der Gegen­re­for­ma­tion: Renais­sance­por­tal und Rosette der von 1613 bis 1617 erbau­ten, im Zwei­ten Welt­krieg jedoch weit­ge­hend zer­stör­ten his­to­ri­schen Jesui­ten­kir­che. Foto: Rein­hard Kallenbach

Pro­tes­tan­ti­sche Nachbarn

Die Obrig­keit blieb wach­sam, weil es in der direk­ten Nach­bar­schaft der Stadt gra­vie­rende Ver­än­de­run­gen gab. So hat­ten sich die Leh­ren Luthers bereits 1527 in der kurköl­ni­schen Stadt Rhens durch­ge­setzt. Diese war an den Land­gra­fen Phil­ipp ver­pfän­det wor­den. Auch im damals spon­hei­mi­schen Ort Win­nin­gen wand­ten sich die Men­schen um 1557 von der Katho­li­schen Kir­che ab, vier Jahre spä­ter folgte Ben­dorf im Gebiet des Gra­fen von Sayn.

Die Ant­wort auf die Frage, warum sich trotz der Nähe pro­tes­tan­ti­scher Gebiete die Refor­ma­tion in Koblenz nicht durch­setzte, ist viel­fäl­tig. Sicher­lich ist ein Grund die starke Prä­senz der Lan­des­her­ren in Koblenz, ein ande­rer, dass weite Teile der städ­ti­schen Ober­schicht den Kur­fürs­ten treu erge­ben waren. So hatte die Anwe­sen­heit der Straß­bur­ger Refor­ma­to­ren Mar­tin Bucer und Johan­nes Sturm 1542/43 keine Fol­gen. Trotz­dem konnte sich die Obrig­keit nicht sicher sein. Denn nicht nur die Anhän­ger Luthers (und spä­ter auch Cal­vi­nis­ten) ver­brei­te­ten ihre Lehre. Eine dritte Gruppe war im Kern sogar noch gefähr­li­cher: die Wie­der­täu­fer. Diese tra­ten nicht nur für die Erwach­se­nen­taufe ein, son­dern ver­tra­ten einen sozi­al­re­for­me­ri­schen Ansatz, deren mit­un­ter fana­ti­sierte Akteure die gesamte Gesell­schafts­ord­nung ins Wan­ken brin­gen konn­ten. Es kommt nicht von unge­fähr, dass das Täu­fer­reich von Müns­ter 1535 mit einem Blut­bad ertränkt wurde.

Wie­der­täu­fer als Feindbild

Es ist eben­falls kein Zufall, dass sich ein Jahr zuvor die rhei­ni­schen und west­fä­li­schen Fürs­ten in Koblenz getrof­fen hat­ten, um über das wei­tere Vor­ge­hen zu bera­ten. Denn wenn es um Wie­der­täu­fer ging, waren sich Pro­tes­tan­ten und Katho­li­ken einig. Sogar der als libe­ral gel­tende Wit­tels­ba­cher Pfalz­graf Otthein­rich, der selbst Luthe­ra­ner war, hatte keine Pro­bleme damit, Ver­tre­ter die­ser Bewe­gung erträn­ken zu lassen.

In Koblenz drohte Wie­der­täu­fern seit 1529 die Todes­strafe. Den­noch hiel­ten sich immer wie­der einige Anhän­ger der Bewe­gung in der Stadt auf. Offen­sicht­lich wur­den die dra­ko­ni­schen Stra­fen nicht ange­wandt, Wie­der­täu­fer wur­den aller­dings zum Wider­ruf gezwun­gen und ausgewiesen.

Viel­leicht war diese für die dama­lige Zeit groß­zü­gige Hal­tung auch dar­auf zurück­zu­füh­ren, dass so man­cher Koblen­zer an den refor­ma­to­risch ori­en­tier­ten Uni­ver­si­tä­ten in Wit­ten­berg, Erfurt und Mar­burg stu­diert hatte. Der His­to­ri­ker Dr. Jür­gen Mül­ler nennt für die Zeit zwi­schen 1506 und 1595 immer­hin 45 Koblen­zer Absol­ven­ten die­ser Hoch­schu­len. Man bedenke: Die „kleine Haupt­stadt“ hatte zu die­ser Zeit höchs­tens 5000 bis 6000 Ein­woh­ner. Davon hat­ten nur die aller­we­nigs­ten eine aka­de­mi­sche Ausbildung.

Die Obrig­keit musste wei­ter­hin wach­sam sein, zumal die Ver­är­ge­rung über die Steu­er­be­frei­un­gen für den Kle­rus nach wie vor groß war. Dass es auch in den Kir­chen und Klös­tern im eige­nen Ter­ri­to­rium genau die Miss­stände gab, die letzt­end­lich zur Refor­ma­tion geführt hat­ten, wuss­ten sie genau. Als 1547 das Reform­kon­zil von Tri­ent eröff­net wurde, nah­men Johann V. von Isen­burg (1547 – 1556) und Johann VI. von der Leyen (1556 – 1567) auf den 15-jährigen Reform­pro­zess Ein­fluss, der nicht nur die Lit­ur­gie ver­än­derte, son­dern auch die Sit­ten­strenge in die Got­tes­häu­ser zurück­brachte. Das waren die Vor­aus­set­zun­gen für die Gegen­re­for­ma­tion mit all ihren fürch­ter­li­chen Folgen.

Die unru­hi­gen Zei­ten hat­ten vor allem in den Städ­ten eine poli­ti­sche Dimen­sion. Auch in Koblenz, wo der Stadt­rat und die kur­fürst­li­chen Schöf­fen nicht auf einer Linie lagen, sollte die Situa­tion eska­lie­ren. Hatte Karl V. noch am 25. Okto­ber Rechte und Frei­hei­ten der Koblen­zer bestä­tigt, ver­such­ten die Kur­fürs­ten – die sich eigent­lich dem Wil­len des Kai­sers beu­gen muss­ten – in der Pra­xis alles, um den Bür­gern diese Frei­hei­ten wie­der weg­zu­neh­men. Es ging im Dau­er­kon­flikt nicht nur um den Sta­tus einer freien Reichs­stadt, son­dern auch um viel Geld.

Hatte sich der Rat immer wie­der gegen zu hohe Steu­er­for­de­run­gen zur Wehr gesetzt, ließ Johann VI. 1561 das Eigen­tum der Bür­ger beschlag­nah­men und über seine Zoll­stel­len den Han­del abschnei­den. Auf diese Weise hoffte er, einen Keil zwi­schen Bür­ger und Rat zu trei­ben. Das gelang, indem er die Zünfte vom Treue­ge­löb­nis gegen­über dem Rat befreite. Der Höhe­punkt folgte im Februar 1562. Lands­knechte des Kur­fürs­ten und der Land­adel mar­schier­ten in Koblenz ein. Die Rats­her­ren stan­den nun unter Haus­ar­rest und muss­ten den unge­be­te­nen Gäs­ten Kost und Logis geben.

Rats­mit­glie­der wur­den ersetzt

Erst nach Zah­lung eines hohen Buß­gel­des wurde ihnen ver­ge­ben. Bür­ger­meis­ter Johann Hof­mann musste jedoch nach Ander­nach flie­hen, um Schlim­me­rem zu erge­hen. Eine wei­tere Folge waren eine Umbe­set­zung der städ­ti­schen Gre­mien nach kur­fürst­li­chen Wün­schen und eine neue Poli­zei– und Stadt­ord­nung, die als soge­nannte „Leyana“ in die Geschichte ein­ge­hen sollte.

Johann VI. konnte nun schal­ten und wal­ten, wie er wollte. Nur ein Jahr nach dem „Putsch von oben“ kon­fron­tierte er den neuen Rat mit zahl­rei­chen Neu­bau­pro­jek­ten, die natür­lich nicht er, son­dern die Stadt bezah­len musste. So soll­ten die Ver­kehrs­be­din­gun­gen am Rhein­ufer ver­bes­sert, ein neues Stadt­tor gebaut und ein Kran zum Be– und Ent­la­den der Schiffe rea­li­siert wer­den. Um eine bes­sere Anbin­dung der neuen Anla­gen an die Innen­stadt zu errei­chen, wollte Johann VI. vor allem den süd­li­chen und östli­chen Teil der Alt­stadt aus­bauen. Mit der damit ver­bun­de­nen Ver­län­ge­rung der Fir­mung durch den Aus­bau der Rhein­straße wur­den die wesent­li­chen Vor­aus­set­zun­gen zur Neu­ge­stal­tung die­ses Bereichs geschaffen.

Stadt­um­bau verschleppt

Bis zum end­gül­ti­gen Abschluss der Maß­nah­men in der Fir­mung­s­traße soll­ten aber noch fast 200 Jahre ins Land gehen. Aus Rats­pro­to­kol­len vom Mai 1582 erfah­ren wir, dass Anspruch und Wirk­lich­keit weit aus­ein­an­der lagen. Zwar beton­ten die Mit­glie­der des Koblen­zer Rats immer wie­der, im Sinne des Kur­fürs­ten zu han­deln, doch in der Pra­xis bewirk­ten sie genau das Gegen­teil. Diese Tak­tik war ange­sichts der knap­pen städ­ti­schen Kasse durch­aus berech­tigt, denn mehr als eine „mora­li­sche Unter­stüt­zung” war vom Lan­des­herrn nicht zu erwar­ten. Ein will­kom­me­ner Anlass, die Ange­le­gen­heit bis zum end­gül­ti­gen Still­stand ein­fach zu ver­schlep­pen, war der Pro­test des Stif­tes St. Flo­rin, das sich wei­gerte, ein im betrof­fe­nen Bereich lie­gen­des Grund­stück an die Stadt abzu­tre­ten. Doch am Ende waren die Ver­än­de­run­gen nicht auf­zu­hal­ten. Denn Kur­fürst Jakob III. von Eltz rief einen straff orga­ni­sier­ten Orden in die Stadt, der zur Insti­tu­tion wurde: die Jesuiten.

Das 16. Jahr­hun­dert II

1534 Der Pre­di­ger und Refor­ma­tor Johann Cal­vin flieht von Paris nach Basel, wo sein Haupt­werk ent­steht. Sein „Unter­richt im Chris­ten­tum“ wirkt zuerst im zum Her­zog­tum Savoyen gehö­ren­den Genf, das sich der Eid­ge­nos­sen­schaft und der Refor­ma­tion anschließt.

1536 Der dritte Krieg Karls V. mit Frank­reich beginnt. Wei­tere Kon­flikte fol­gen zwi­schen 1542 und 1551.

1546 Der Schmal­kal­di­sche Krieg beginnt: Die pro­tes­tan­ti­schen Lan­des­fürs­ten und Städte kämp­fen unter Füh­rung von Kur­sach­sen und Hes­sen gegen Karl V., der die reichs­recht­li­che Aner­ken­nung des Pro­tes­tan­tis­mus ver­hin­dern will. Die ent­schei­dende Schlacht fin­det am 24. April 1547 statt und endet mit einer Nie­der­lage der Pro­tes­tan­ten. Kur­fürst Johann Fried­rich von Sach­sen gerät in Gefan­gen­schaft und muss die Wit­ten­ber­ger Kapi­tu­la­tion unter­schrei­ben. Auch Land­graf Phil­ipp von Hes­sen muss sich unterwerfen.

1547 Das Kon­zil von Tri­ent wird am 13. Dezem­ber eröff­net. Die Sit­zungs­pe­rio­den soll­ten bis 1563 dau­ern. Teil­neh­mer waren 100 Trä­ger hoher kirch­li­cher Wür­den und noch ein­mal so viele Theo­lo­gen. Das Leit­thema ist eine Kir­chen­re­form. Aus dem Kon­zil geht die Katho­li­sche Kir­che gestärkt her­vor. Die Gegen­re­for­ma­tion beginnt.

1548 Im Bur­gun­di­schen Ver­trag wer­den die Nie­der­lande weit­ge­hend aus dem Reichs­ver­band gelöst.

1555 Der Augs­bur­ger Reichs­tag endet am 25. Sep­tem­ber mit dem berühm­ten Reli­gi­ons­frie­den. Hin­ter­grund: Auch nach dem Schmal­kal­di­schen Krieg war es immer wie­der zu Unru­hen gekom­men. Der Kom­pro­miss: Die Lan­des­her­ren bestimm­ten die Kon­fes­sion in ihrem Herr­schafts­be­reich. Wech­sel­ten die Fürs­ten ihr Bekennt­nis, muss­ten die Unter­ta­nen das eben­falls tun.

1562 Beginn der Huge­not­ten­kriege in Frank­reich. Als Huge­not­ten wer­den die fran­zö­si­schen Pro­tes­tan­ten bezeich­net, die stark von der Lehre Cal­vins beein­flusst sind. Die Aus­ein­an­der­set­zung ist nur einer von meh­re­ren Bür­ger­krie­gen im Land.

1562 Gegen den Wider­stand der Koblen­zer Bür­ger bringt der trie­ri­sche Kur­fürst Johann VI. von der Leyen eine Ver­ord­nung auf den Weg, die Koblenz macht.

1572 In der Bar­tho­lo­mä­us­nacht wer­den in der Nacht zum 24. August Tau­sende Pro­tes­tan­ten ermor­det, die extra wegen der Hoch­zeit von Hein­rich von Navarra mit Mar­ga­re­the von Valois nach Paris gekom­men waren.

1580 Das einst im Bereich des heu­ti­gen Jesui­ten­plat­zes ange­sie­delte alte Zis­ter­zi­en­ser­klos­ter wird am 2. Sep­tem­ber auf­ge­löst. Neue Bewoh­ner wer­den die Jesui­ten, die mit Wir­kung vom 5. Dezem­ber ange­sie­delt werden.

1588 Die spa­ni­sche Armada wird ver­nich­tet. Ursa­che sind nicht nur die eng­li­schen Kano­nen, son­dern auch schwere Stürme. Die Kata­stro­phe wird zum Sinn­bild des spa­ni­schen Macht­ver­lus­tes und der Vor­herr­schaft des Pro­tes­tan­tis­mus in Europa.

1593 In Ungarn begin­nen die Türkenkriege.

1598 Im Edikt von Nan­tes wer­den den Huge­not­ten Gewis­sens­frei­heit, poli­ti­sche Gleich­be­rech­ti­gung und Sicher­heits­plätze gewährt.

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Stadtgeschichte 15: Das Weltbild wankt

Koblenz. Eigent­lich war der Ablass­han­del für alle Betei­lig­ten eine prak­ti­sche Sache. Der Sün­der zahlte für die Ver­ge­bung, und die Kir­che konnte ehr­gei­zige Pro­jekte ange­hen – so zum Bei­spiel den Peters­dom in Rom, des­sen Grund­stein am 18. April 1506 gelegt wor­den war. Doch der Han­del mit die­sen „Frei­fahrt­schei­nen“ sollte bizarre Dimen­sio­nen anneh­men und die Welt der Kir­che in ihren Grund­fes­ten erschüt­tern. Und das sollte auch im Kur­fürs­ten­tum Trier deut­lich zu spü­ren sein.

An die Reformen des Kurfürsten Richard von Greiffenklau erinnert das von 1528 bis 1530 errichtete Schöffenhaus. Das Gebäude bot einst Platz für das kurtrierische Schöffengericht. 1804 war es Pfandhaus, später unter anderem Sitz der Freimaurerloge. Foto: Reinhard Kallenbach

An die Refor­men des Kur­fürs­ten Richard von Greif­fen­klau erin­nert das von 1528 bis 1530 errich­tete Schöf­fen­haus. Das Gebäude bot einst Platz für das kur­trie­ri­sche Schöf­fen­ge­richt. 1804 war es Pfand­haus, spä­ter unter ande­rem Sitz der Frei­mau­rer­loge. Foto: Rein­hard Kallenbach

120 Jahre sollte am Hei­lig­tum in Rom gebaut wer­den, das an die Stelle der im Jahre 324 geweih­ten Basi­lika trat. Diese galt wie­derum als Gra­bes­kir­che des Apos­tels Simon Petrus. Die kom­plexe Aus­gangs­si­tua­tion zeigt: Es wurde rich­tig teuer. Denn es ging um ein gewal­ti­ges, vom Bau­meis­ter Bra­mante ent­wor­fe­nes Got­tes­haus für 20 000 Men­schen mit der größ­ten frei­tra­gen­den Zie­gel­kup­pel der Welt. Und ein gut funk­tio­nie­ren­der Ablass­han­del sollte die erfor­der­li­chen Mit­tel bringen. 

Wider­stand gegen Ablasshandel

Grund­sätz­lich waren Ablässe nicht neu. Schon der schwie­rige Bau der Koblen­zer Bal­du­in­brü­cke war zum Teil auf die­sem Weg finan­ziert wor­den. Doch die Dimen­sio­nen, die die­ses Geschäft im frü­hen 16. Jahr­hun­dert erreicht hatte, scho­ckier­ten tief­gläu­bige Men­schen zutiefst. Sie konn­ten und woll­ten nicht hin­neh­men, dass man sich ohne ernst­hafte Reue und Buße von Sün­den frei­kau­fen konnte. Vor allem ein Mann begehrte auf: Mar­tin Luther. Er hatte auf sei­ner Rom­reise 1510/11 die Deka­denz im Mit­tel­punkt der Chris­ten­heit erlebt. Das aus­schwei­fende Leben der macht­gie­ri­gen Renais­sance­päpste über­trug sich auf den gesam­ten Kle­rus, das seit der Syn­ode von Pavia (1022) gel­tende Zöli­bat und das Gebot der Ent­halt­sam­keit wur­den ad absur­dum geführt.

Mar­tin Luther, der selbst einem stren­gen Orden ange­hörte, war scho­ckiert. Den­noch wollte er die Kir­che nicht bekämp­fen, son­dern dazu bei­tra­gen, sie behut­sam zu erneu­ern. Sein Zorn rich­tete sich beson­ders gegen den Ablass­han­del, dem seine berühm­ten 95 The­sen gel­ten. Ob er sie wirk­lich am 31. Okto­ber 1517 ans Haupt­por­tal der Schloss­kir­che von Wit­ten­berg schlug, ist umstrit­ten. Zwar hat der Refor­ma­tor Phil­ipp Melan­chthon diese Szene über­lie­fert, doch geht die For­schung davon aus, dass Luther, der 1512 pro­mo­viert hatte, seine The­sen ver­schickte. Denn der Theo­loge war Dozent an der örtli­chen Uni­ver­si­tät, der den wis­sen­schaft­li­chen Dis­put pflegte.

Beein­flusst von den libe­ra­le­ren theo­lo­gi­schen Auf­fas­sun­gen des eben­falls in Wit­ten­berg leh­ren­den Wil­helm von Ock­ham – der dem Men­schen sehr wohl einen freien Wil­len zubil­ligte –, setzte Luther auf ver­nünf­tige Lösun­gen. Und wahr­schein­lich wäre seine Fun­da­men­tal­kri­tik am Ablass­han­del eine Aus­ein­an­der­set­zung unter Theo­lo­gen geblie­ben, wenn es die tech­ni­sche Revo­lu­tion des Spät­mit­tel­al­ters nicht gege­ben hätte. Zum einen eröff­nete der von Johan­nes Guten­berg um 1450 ent­wi­ckelte Buch­druck mit beweg­li­chen Metall­let­tern bis dato unbe­kannte Wege, Gedan­ken für einen grö­ße­ren Leser­kreis zu Papier zu brin­gen, zum ande­ren brach­ten Ent­de­ckun­gen das mit­tel­al­ter­li­che Welt­bild ins Wanken. 

Krise der Herrschenden

Die erste große Reise des Chris­toph Colum­bus von 1492/93, in deren Ver­lauf Ame­rika (wieder)entdeckt wurde, ist ein Bei­spiel von vie­len. Zwar lei­tete diese die große Zeit der See­fah­rer und deren Suche nach mär­chen­haf­ten Reich­tü­mern ein, doch fand die eigent­li­che Revo­lu­tion am Him­mel statt. Denn die Zwei­fel an der Über­zeu­gung, die Welt sei eine Scheibe, um die das ganze Uni­ver­sum kreise, nah­men zu. Wis­sen­schaft­ler wie Nico­laus Coper­ni­cus, der zwi­schen 1506 und 1530 die Grund­la­gen für sein helio­zen­tri­sches Welt­bild erforschte, brach­ten die welt­li­chen und geist­li­chen Fürs­ten in Erklä­rungs­nöte. Ihr Got­tes­gna­den­tum wurde hin­ter­fragt. Die Herr­schen­den rea­gier­ten mit Druck und Gewalt, vor allem aber mit uner­träg­li­chen finan­zi­el­len und mate­ri­el­len Belas­tun­gen für die Bevölkerung. 

Rit­ter wur­den „arbeitslos“

Die kur­sie­ren­den huma­nis­ti­schen Ideale von der Würde des Men­schen und die Wie­der­ent­de­ckung der Antike spie­gel­ten sich bes­ten­falls in den Resi­den­zen wider – und die Errun­gen­schaf­ten der renais­sance­zeit­li­chen Bau­kunst in den Befes­ti­gungs­an­la­gen. Dage­gen waren soziale Ver­wer­fun­gen das eigent­li­che Phä­no­men der Zeit. Nicht nur die Bau­ern lit­ten, son­dern auch der nie­dere Adel. Rit­ter wur­den „arbeits­los“, die alte „Kriegs­kunst“ war über­flüs­sig gewor­den. Feu­er­waf­fen und Söld­ner­heere hat­ten sich längst durch­ge­setzt. Am Ende machte genau die­ses Heer aus Hung­ri­gen und Frus­trier­ten die Refor­ma­tion so gefähr­lich. Denn die Initia­to­ren der im Rhein­land und in Süd­deutsch­land auf­flam­men­den Auf­stände berie­fen sich auf die Leh­ren Luthers. Sie wur­den ein geis­ti­ger Über­bau des gro­ßen Deut­schen Bau­ern­kriegs – von dem sich der Refor­ma­tor übri­gens distanzierte.

Auch in Koblenz gärte es. Die Bür­ger wur­den mit den unter­schied­lichs­ten Steu­ern belas­tet, die sie nur zäh­ne­knir­schend bezahl­ten. Gleich­zei­tig ver­fluch­ten sie den Wohl­stand von Adel und Kle­rus im Stadt­bild deut­lich abzu­le­sen war. Die Vor­gänge des 13., 14. und 15. Jahr­hun­derts zei­gen: Ein Funke genügte, um einen neuen Auf­stand zu ent­fa­chen. Denn die Koblen­zer dürf­ten sehr wohl gewusst haben, was andern­orts geschah. Und sie hat­ten durch­aus ihr Selbst­be­wusst­sein gestärkt. Kein Wun­der: Die meis­ten Inno­va­tio­nen jener Zeit kamen aus den Städ­ten. Das galt nicht nur für die Struk­tu­ren der Selbst­ver­wal­tung, son­dern auch für prak­ti­sche Lösun­gen. So waren in vie­len Städ­ten soge­nannte Was­ser­künste ent­stan­den, mit denen die Bür­ger über aus­ge­klü­gelte Röh­ren und was­ser­ge­trie­bene Pum­pen ihre Ver­sor­gung ver­bes­ser­ten. Und auch im Koblenz des 16. Jahr­hun­derts bemühte man sich mehr­mals, eine Quell­was­ser­lei­tung zu bauen. 

Gefähr­li­che Mischung

Die Kur­fürs­ten wuss­ten natür­lich, dass ein Mix aus Frus­tra­tion und Inno­va­tion gefähr­lich sein kann. Sie ver­stärk­ten ihre Prä­senz in der Stadt und ver­stärk­ten auch die mili­tä­ri­schen Anla­gen. Die Erz­bi­schöfe jener Zeit waren starke Per­sön­lich­kei­ten. So auch Richard von Greif­fen­klau (1467 – 1531), der nicht nur den Ehren­breit­stein in eine moderne Fes­tung ver­wan­deln ließ, son­dern eine Reihe von recht­li­chen Refor­men auf den Weg brachte. Außer­dem hatte der Kur­fürst eine Gespür für große Ges­ten. So folgte er der Bitte Kai­ser Maxi­mi­li­ans, den Hei­li­gen Rock aus­zu­stel­len. Auch soll er Mar­tin Luther beim Reichs­tag von Worms (1521) Schutz und Unter­kunft ange­bo­ten haben. Die Vor­aus­set­zung war aber unan­nehm­bar: Luther sollte wider­ru­fen. Den­noch war der Vor­stoß ein geschick­ter Schach­zug des Richard von Greif­fen­klau – an den sich die meis­ten Koblen­zer nur wegen der nach ihm benann­ten, 1524 gegos­se­nen größ­ten Bela­ge­rungs­ka­none der dama­li­gen Zeit erin­nern. Auch wenn ihm der Erfolg letzt­end­lich ver­sagt blieb, hatte der Kur­fürst erkannt, dass es bes­ser war, einen Geg­ner zu über­zeu­gen, als ihn zu bekämpfen. 

Streng genommen sind das „Alte Kaufhaus“ und das Schöffenhaus Neubauten. Denn die Bomben des Krieges richteten so schwere Schäden an, dass die Gebäude neu aufgebaut werden mussten. Foto: Stadtarchiv

Streng genom­men sind das „Alte Kauf­haus“ und das Schöf­fen­haus Neu­bau­ten. Denn die Bom­ben des Krie­ges rich­te­ten so schwere Schä­den an, dass die Gebäude neu auf­ge­baut wer­den muss­ten. Foto: Stadtarchiv

Auf­stand der Ritter

Bei der nur ein Jahr spä­ter aus­bre­chen­den soge­nann­ten Sickin­gi­schen Fehde beschritt Richard von Greif­fen­klau doch noch den Weg der Gewalt. Eine andere Wahl hatte er wohl nicht. Denn die­ses Mal waren es die „arbeits­lo­sen“ Mit­glie­der der rhei­ni­schen und schwä­bi­schen Rit­ter­schaft, die ins Feld zogen, um die Obrig­keit zu bekämp­fen. Ihr Anfüh­rer war Franz von Sickin­gen, nach dem die­ser Auf­stand auch benannt wurde. Erklär­tes Ziel die­ses Rit­ters war es, geist­li­che Herr­schafts­ge­biete zu säku­la­ri­sie­ren. Das bedeu­tete nach den Vor­stel­lun­gen der Rit­ter auch, dass der Trie­rer Erz­bi­schof sei­nen Kur­staat abge­ben sollte.

Franz von Sickin­gen, der schon in der Ver­gan­gen­heit kei­nem bewaff­ne­ten Kon­flikt aus dem Weg gegan­gen war, stand 1522 vor den Toren Triers, nach­dem er Blies­kas­tel und St. Wen­del ein­ge­nom­men hatte. Die Bela­ge­rung Triers schei­terte schließ­lich, das Glück ver­ließ den Rit­ter – der sich eben­falls auf die Ideen Luthers berief. Schließ­lich stan­den die Rit­ter einer Über­macht gegen­über. Unab­hän­gig von ihrer reli­giö­sen Über­zeu­gung hat­ten sich Richard von Greif­fen­klau, Phil­ipp der Groß­mü­tige von Hes­sen und Lud­wig der Fried­fer­tige von der Pfalz zu einer Koali­tion zusam­men­ge­schlos­sen. Das Ende ereilte Franz von Sickin­gen schließ­lich am 7. Mai 1523. Er ver­letzte sich im Kampf um Burg Nan­stein über Land­stuhl so schwer, das er sei­nen Ver­let­zun­gen erlag. Der Auf­stand brach zusam­men. Die Folge für Koblenz: Refor­ma­tion war ab sofort kein Thema mehr.

Das 16. Jahr­hun­dert I

1503 Der Trie­rer Erz­bi­schof Johann II. von Baden stirbt in der Fes­tung Ehrenbreitstein.

1510 Auf sei­nem Weg nach Rom soll der spä­tere Refor­ma­tor Mar­tin Luther Sta­tion im Ehren­breit­stei­ner Augus­ti­ner– Eremiten-Kloster gemacht haben. Die Ein­rich­tung war 1493 vom Theo­lo­gie­pro­fes­sor und Leh­rer Luthers, Johan­nes Paltz, gegrün­det worden.

1511 Der Trie­rer Erz­bi­schof Jakob II. stirbt in Köln, wird aber in der Stifts­kir­che St. Flo­rin begraben.

1517 Mar­tin Luther macht Ende Okto­ber seine 95 The­sen gegen den Ablass­han­del publik. 

1519Kai­ser Maxi­mi­lian stirbt am 12. Januar. Nach­fol­ger wird Karl V., der am 28. Juni zum Römi­schen König gewählt wird und eben­falls aus dem Haus Habs­burg stammt.

1521 In Worms fin­det von Februar bis Mai der berühmte Reichs­tag statt, auf dem Luther seine The­sen wider­ru­fen soll. Der Augustiner-Eremit wei­gert sich und wird im soge­nann­ten Worm­ser Edikt mit der Reichs­acht belegt. Damit ver­liert Luther seine Rechts­fä­hig­keit. Und: Jeder­mann durfte ihn töten, ohne eine Strafe zu befürch­ten. Beschützt durch den säch­si­schen Kur­fürs­ten Johann I. (der Groß­mü­tige), ent­geht Luther die­sem grau­sa­men Schicksal.

1522 Die rhei­ni­sche und schwä­bi­sche Rit­ter­schaft erhebt sich unter der Füh­rung des Franz von Sickin­gen, der am 7. Mai 1523 auf Burg Nan­stein über Land­stuhl sei­nen schwe­ren Ver­let­zun­gen erliegt.

1524 Der Deut­sche Bau­ern­krieg beginnt. Hin­ter dem Begriff ver­birgt sich eine Reihe regio­na­ler Auf­stände, die inner­halb von zwei Jah­ren blu­tig nie­der­ge­schla­gen werden. 

1530 Karl V. wird in Bolo­gna von Papst Cle­mens VII. zum Kai­ser gekrönt. Es ist die letzte Krö­nung die­ser Art. Hin­ter Kai­ser Karl lie­gen zu die­ser Zeit kon­flikt­rei­che Jahre. Zwei Kriege gegen Frank­reich (1521 bis 1526 und von 1526 bis 1529) und der blu­tige Dau­er­streit mit dem Papst­tum um die Vor­macht in Ober­ita­lien sind die Zwi­schen­bi­lanz des Habs­bur­gers. Ein trau­ri­ger Höhe­punkt war unter ande­rem die Plün­de­rung von Rom (Sacco di Roma) 1527 durch deut­sche Lands­knechte und spa­ni­sche Söldner.

1530 Reichs­tag in Augs­burg. Am 25. Juni beken­nen sich die luthe­ri­schen Reichs­stände in ihrem Augs­bur­ger Bekennt­nis (Con­fes­sio Augustana) zu ihrem Glauben.

1531 Fer­di­nand I. wird zum Römi­schen König gewählt. Er ver­tritt den oft­mals abwe­sen­den Bru­der Karl V., der über ein Rie­sen­reich herrscht, „in dem die Sonne nicht unter­geht“. Im glei­chen Jahr schlie­ßen sich im thü­rin­gi­schen Schmal­kal­den die pro­tes­tan­ti­schen Fürs­ten und Städte unter Füh­rung von Kur­sach­sen und Hes­sen zur „Liga“ zusam­men. Sie machen damit Front gegen die (katho­li­sche) Reli­gi­ons­po­li­tik Karls V.

1534 Auch in Eng­land eska­liert der Streit zwi­schen Papst­tum und Krone. Hein­rich VIII. sagt sich von Rom los, die angli­ka­ni­sche Kir­che ent­steht. In Müns­ter ent­steht das soge­nannte Wie­der­täu­fer­reich, das am 24. Juni 1535 nach der Bela­ge­rung durch den Bischof und seine Ver­bün­de­ten mit einem Blut­bad endet. Die obers­ten Reprä­sen­tan­ten der Bewe­gung wer­den zu Tode gefoltert.

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Stadtgeschichte 14: Große Politik

Die Ecke Kornpfortstraße/Kastorgasse und die alte Kornpforte im Jahr 1897: Die Aufnahme des Hoffotografen Otto Kilger zeigt, wie eng das Gasthaus „Zum Deutschen Kaiser“ noch am Ende des 19. Jahrhunderts mit den angrenzenden Bauten verbunden war. Obwohl die alte Bausubstanz im östlichen Abschnitt der mittelalterlichen Stadterweiterung gerade in preußischer Zeit gravierend verändert worden war, vermittelt sie doch einen Eindruck der früheren Zeiten. Und auch der „Deutsche Kaiser“, der landläufig in die Zeit um 1520 datiert wird, ist im Kern deutlich älter und reicht in das 14. und 15. Jahrhundert zurück. Foto: Stadtarchiv

Die Ecke Kornpfortstraße/Kastorgasse und die alte Korn­pforte im Jahr 1897: Die Auf­nahme des Hof­fo­to­gra­fen Otto Kil­ger zeigt, wie eng das Gast­haus „Zum Deut­schen Kai­ser“ noch am Ende des 19. Jahr­hun­derts mit den angren­zen­den Bau­ten ver­bun­den war. Obwohl die alte Bau­sub­stanz im östli­chen Abschnitt der mit­tel­al­ter­li­chen Stadt­er­wei­te­rung gerade in preu­ßi­scher Zeit gra­vie­rend ver­än­dert wor­den war, ver­mit­telt sie doch einen Ein­druck der frü­he­ren Zei­ten. Und auch der „Deut­sche Kai­ser“, der land­läu­fig in die Zeit um 1520 datiert wird, ist im Kern deut­lich älter und reicht in das 14. und 15. Jahr­hun­dert zurück. Foto: Sadtarchiv

Koblenz. Ein Kai­ser zwi­schen allen Stüh­len, ein kriegs­lüs­ter­ner König und ein klu­ger Erz­bi­schof: Das sind die Haupt­ak­teure einer gro­ßen Zusam­men­kunft, die im Sep­tem­ber 1338 in Koblenz über die Bühne gehen sollte. Rund 17 000 Men­schen sol­len sich damals in der eher klei­nen Stadt an Rhein und Mosel zusam­men­ge­fun­den haben, die neben einer stra­te­gisch güns­ti­gen Lage genau die bau­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen zu bie­ten hatte, die für die Durch­füh­rung eines Hof­ta­ges erfor­der­lich waren.

Eigent­lich war die freie Reichs­stadt Sin­zig für das Tref­fen vor­ge­se­hen, doch waren die Kapa­zi­tä­ten in Koblenz grö­ßer, sodass der Hof­tag kur­zer­hand ver­legt wurde. Unge­wöhn­lich war das nicht. Die Zusam­men­künfte, zu denen Könige und Kai­ser wich­tige Per­sön­lich­kei­ten in unre­gel­mä­ßi­gen Abstän­den ein­lu­den, konn­ten sowohl in Bischofs– als auch in Königs­städ­ten statt­fin­den. Die Ver­samm­lun­gen waren Vor­läu­fer der fest kon­zi­pier­ten Reichs­tage, die sich im Zuge der Refor­men des spä­ten 15. Jahr­hun­derts unter Kai­ser Maxi­mi­lian I. eta­blie­ren sollten.

Worum ging es in Koblenz? Die Ant­wort ist viel­schich­tig. Denn nicht nur Kai­ser Lud­wig der Bayer hatte Gründe, wich­tige Gefolgs­leute ein­zu­la­den. Auch der eng­li­sche König Edward III. wollte die Chance nut­zen, in Koblenz um Unter­stüt­zung für einen Feld­zug gegen Frank­reich zu wer­ben, weil er auch im Nach­bar­land den Thron für sich bean­spruchte. Dass Edward damit eine Serie von Kon­flik­ten her­auf­be­schwö­ren sollte, die heute unter dem Begriff „Hun­dert­jäh­ri­ger Krieg“ zusam­men­ge­fasst wer­den, ahnte damals nie­mand. Aber auch Lud­wig der Bayer hatte gute Gründe, um Gra­fen, Her­zöge und den hohen Kle­rus auf sich ein­zu­schwö­ren. Denn der Kai­ser war nicht unum­strit­ten und brauchte eine Kon­struk­tion von euro­päi­scher Trag­weite, um sei­nen uni­ver­sel­len Macht­an­spruch zu fes­ti­gen. Damit wollte er sich ein­deu­tig über das Papst­tum stellen. 

Kon­flikt mit dem Papst

Erst seit dem Sieg über den eben­falls zum König gewähl­ten Habs­bur­ger Fried­rich den Schö­nen in der „letz­ten Rit­ter­schlacht ohne Feu­er­waf­fen“ bei Mühl­dorf (Bay­ern) am 28. Sep­tem­ber 1322 saß Lud­wig eini­ger­ma­ßen sicher im Sat­tel. Den Segen von Johan­nes XXII. hatte er nicht. Auch die­ser Papst wollte keine starke welt­li­che Herr­schaft, der Kon­flikt eska­lierte. Lud­wig, der vom Papst noch nicht ein­mal als König aner­kannt wor­den war, ließ sich 1328 kur­zer­hand vom römi­schen Stadt­volk zum Kai­ser wäh­len und setzte als Gegen­papst den Fran­zis­ka­ner­mönch Niko­laus V. ein, der bis 1330 von Avi­gnon aus regie­ren sollte.

Mit die­sem Schritt machte Kai­ser Lud­wig eine Spal­tung – ein soge­nann­tes Schisma – mög­lich. Auch nach der Über­win­dung die­ses Bruchs unter den nach­fol­gen­den „regu­lä­ren“ Päps­ten Bene­dikt XII. und Cle­mens VI. sollte Lud­wigs Ver­hält­nis zum Hei­li­gen Stuhl bis zu sei­nem Lebens­ende ver­gif­tet sein. Lud­wig, der aus dem Geschlecht der Wit­tels­ba­cher stammte, machte sich kei­ner­lei Illu­sio­nen. Er strebte des­halb Refor­men an. Sein Ziel: Die Königs­wahl, mit der auto­ma­tisch die Wahl zum Kai­ser ver­bun­den war, sollte auch ohne päpst­li­che Bestä­ti­gung gül­tig sein. Hin­ter die­sem Gedan­ken stan­den auch viele Große des Rei­ches. Denn die Herr­scher im Reich waren stets aus Wah­len her­vor­ge­gan­gen. Zumin­dest auf dem Papier war das deut­sche König­tum nie eine Erb­mon­ar­chie – auch wenn es den Habs­bur­gern spä­ter gelin­gen sollte, diese Idee gründ­lich zu unterlaufen. 

Trü­ge­ri­sche Geschlossenheit

Doch im Som­mer 1338 lagen die Dinge noch anders. Die wahl­be­rech­tig­ten Fürs­ten, die in der Gol­de­nen Bulle von 1356 end­gül­tig als Kur­fürs­ten legi­ti­miert wer­den soll­ten, stell­ten sich im Juli geschlos­sen hin­ter Lud­wig – unter ihnen auch Erz­bi­schof Bal­duin von Luxem­burg, der zu die­sem Zeit­punkt keine Chance sah, einen Ver­wand­ten aus dem eige­nen Haus zum mäch­ti­gen Gegen­ge­wicht aus­zu­bauen. Erst als 1346 mit Karl IV. ein Groß­neffe für den Königs­thron bereit­stand, wech­selte Bal­duin die Seite.

Der Trie­rer Erz­bi­schof hatte sich bereits früh auf die Seite Lud­wigs gestellt, weil sein erst 17-jähriger Neffe Johann von Luxem­burg, ein Sohn Kai­ser Hein­richs VII., wegen feh­len­der Erfolgs­aus­sich­ten auf die Königs­wahl ver­zich­ten musste. Bal­duin ver­stand es, sein Ter­ri­to­rium durch Ver­wal­tungs– und Finanz­re­for­men zu moder­ni­sie­ren und Wider­sa­cher aus­zu­schal­ten. Der Hof­tag in Koblenz kam Bal­duin sicher­lich nicht unge­le­gen. Er konnte sich den Gro­ßen des Reichs als guter Gast­ge­ber und loya­ler Gefolgs­mann präsentieren. 

Der Kur­ver­ein zu Rhense

Doch in Koblenz ging es um mehr als um Reprä­sen­ta­tion. Vor allem sollte aus dem, was wenige Wochen zuvor im Kur­ver­ein zu Rhense for­mu­liert wor­den war, Rechts­pra­xis wer­den. Eigent­lich wollte Lud­wig zu die­sem Zeit­punkt wei­ter sein. Bereits für August hatte er zu einer Zusam­men­kunft in Frank­furt gela­den. Doch weil zu wenige Fürs­ten erschie­nen waren, um eine starke Alli­anz gegen das Papst­tum zu schmie­den, musste schließ­lich in Koblenz ver­han­delt wer­den. In die­sen mög­li­chen Bund sollte auch der eng­li­sche König ein­ge­bun­den werden. 

Bünd­nis mit England

Und so gab es nicht nur für Edu­ard gute Gründe, an den Rhein zu rei­sen. Auch Kai­ser Lud­wig wollte das Insel­reich an sich bin­den. Krone und Macht­an­spruch Edu­ards wur­den bestä­tigt. Dem Eng­län­der wurde sogar das Reichs­vi­ka­riat ange­tra­gen. Im Falle des Todes des Kai­sers hätte er die Regie­rungs­ge­walt so lange über­neh­men kön­nen, bis ein Nach­fol­ger gewählt war.

Im Gegen­zug musste Edu­ard aner­ken­nen, dass der Kai­ser über allen ande­ren Mon­ar­chen stand. Das dürfte ihm recht ein­fach gefal­len sein, denn das Kai­ser­tum war zu die­sem Zeit­punkt längst nur eine Idee, die im auf­stre­ben­den Eng­land keine Rolle mehr spielte. Die Zeit der Natio­nal­staa­ten war längst ange­bro­chen, das Reich als loser Ver­bund von Ter­ri­to­rien und Stäm­men wirkte schon fast wie ein Ana­chro­nis­mus. Bezeich­nen­der­weise sollte das Bünd­nis zwi­schen Lud­wig und Edward nur bis 1341 hal­ten. Da weder Geld noch mili­tä­ri­sche Hilfe kam, arran­gierte sich Karl vor­über­ge­hend mit dem fran­zö­si­schen König Phil­ipp VI. Der Pakt von Koblenz war somit Geschichte. Den­noch sollte der Hof­tag für einen Wen­de­punkt in der deut­schen und euro­päi­schen Geschichte ste­hen. Lei­tete er doch das Ende der Schick­sals­ge­mein­schaft von Papst und König ein. Auch wenn sich Karl V. 1530 als letz­ter deut­scher König vom Papst krö­nen ließ, ste­hen der Kur­ver­ein zu Rhense und der Koblen­zer Hof­tag für einen Neuanfang. 

Rück­sichts­lose Politik

Lud­wig schei­terte letzt­lich an sei­ner eige­nen Macht­gier. Auch wenn seine Initia­ti­ven für die dama­lige Zeit hoch­mo­dern waren, schaffte er sich wegen sei­ner rück­sichts­lo­sen Haus­macht­po­li­tik viele Feinde. 1346 wurde er abge­setzt. Am 11. Okto­ber starb er völ­lig iso­liert und mit dem Kir­chen­bann belegt in Puch bei Fürs­ten­feld­bruck. Den Koblen­zern war das wahr­schein­lich gleich­gül­tig. Sie leb­ten stän­dig in der Angst vor dem „Schwar­zen Tod“, der zwi­schen 1347 und 1353 ein Drit­tel der Euro­päer auslöschte.

Nach dem Tod Bal­duins (1354) sollte Koblenz im Kur­staat wei­ter eine wich­tige Rolle spie­len. Die Basi­lika St. Kas­tor wurde sogar eine wich­tige Begräb­nis­kir­che der Erz­bi­schöfe. So fan­den dort Kuno von Fal­ken­stein (1388) und Wer­ner von Fal­ken­stein (1418) ihre letzte Ruhe. Das zeigt: Koblenz war als Haupt­stadt des Nie­der­erz­stif­tes ein wich­ti­ges regio­na­les Zen­trum gewor­den. Den­noch flamm­ten die Kon­flikte mit der Obrig­keit immer wie­der auf. So etwa am 9. Mai 1430, als Bür­ger mit dem neuen Erz­bi­schof Raban von Helm­stadt anein­an­der­ge­rie­ten, der wegen der aus­ufern­den Gewalt auf den Ehren­breit­stein flie­hen musste. Schon mit dem Vor­gän­ger Otto von Zie­gen­hain waren sie anein­an­der­ge­ra­ten. Die Gründe: lan­des­herr­li­che Bau­maß­nah­men zur mili­tä­ri­schen Siche­rung, an denen die Bür­ger betei­ligt wer­den sollten. 

Und noch ein Reichstag

Die enge Inte­gra­tion von Koblenz in das Kur­trie­ri­sche Ter­ri­to­rium im Laufe des 14. und 15. Jahr­hun­derts sollte schließ­lich dazu füh­ren, dass die Stadt keine Bühne der gro­ßen Poli­tik mehr war. Aller­dings rückte sie im Zuge der Refor­men des Habs­bur­gers Maxi­mi­li­ans I. kurz noch ein­mal in den Mit­tel­punkt: Für Sep­tem­ber 1492 wurde in Koblenz ein Reichs­tag ein­ge­setzt. Und wie­der stand ein mög­li­cher Kon­flikt mit Frank­reich auf der Tages­ord­nung. Erneut war eine eng­li­sche Dele­ga­tion zuge­gen. Denn für die Eng­län­der war der Hun­dert­jäh­rige Krieg 1453 noch nicht zu Ende – auch weil es nie einen Frie­dens­schluss gege­ben hatte. Und so kam es, dass Eng­län­der in den Jah­ren 1474, 1488 und 1492 in Frank­reich ein­fie­len. Und jetzt brauch­ten sie Geld. Vom Reich erhoff­ten sie Hilfe, weil auch der Kai­ser Gründe hatte, skep­tisch nach Frank­reich zu schauen. Denn das Her­zog­tum Bur­gund galt nicht unbe­dingt als sicher – obwohl Maxi­mi­lian mit der Erb­her­zo­gin Maria ver­hei­ra­tet war. Den­noch erreichte die Dele­ga­tion Hein­richs VII. von Eng­land in Koblenz wenig. Der Zuschuss des Reichs war eher sym­bo­lisch, weil die Reichs­stände mit Sitz und Stimme im Reichs­tag ein grö­ße­res Enga­ge­ment verweigerten.

Die Ereig­nisse von Koblenz zei­gen: Eine neue Zeit war ange­bro­chen. Das Reich sollte zen­trale Ein­rich­tun­gen haben, die das fra­gile Gefüge zusam­men­hal­ten soll­ten. Die Macht der Fürs­ten blieb jedoch ungebrochen.

Jahre des Umbruchs

1337 Beginn des soge­nann­ten Hun­dert­jäh­ri­gen Krie­ges, der bis 1453 dau­ern soll. Kriegs­grund sind vor allem die Ansprü­che der eng­li­schen Krone auf den fran­zö­si­schen Thron. König Edu­ard III. von Eng­land sucht auch in den deut­schen Staa­ten Ver­bün­dete, was seine Anwe­sen­heit beim Koblen­zer Hof­tag von 1338 erklärt. 1340 fal­len die Eng­län­der schließ­lich in Frank­reich ein. Hin­ter­grund des Kon­flik­tes: Die Geschi­cke Frank­reichs und Eng­lands sind seit der Nor­man­nen­zeit eng mit­ein­an­der verbunden.

1338 In der Nach­bar­stadt Rhens wird deut­sche Geschichte geschrie­ben. Der Kur­ver­ein zu Rhense legt fest, dass eine Königs­wahl kei­ner päpst­li­chen Bestä­ti­gung mehr bedarf. Wei­tere Details der Königs­wahl wer­den in der berühm­ten „Gol­de­nen Bulle“ von 1356 fest­ge­legt, die gern als erste deut­sche Ver­fas­sung bewer­tet wird. Seit­dem ist amt­lich: Die Könige wer­den in Frank­furt durch die Kur­fürs­ten gewählt und in Aachen gekrönt. Sie sind zugleich erwählte römi­sche Kai­ser, wobei der Titel erst seit 1508 offi­zi­ell geführt wird. Das „Reichs­grund­ge­setz“ stärkt vor allem die Kur­fürs­ten­tü­mer, die quasi voll aus­ge­bil­dete Staa­ten werden.

1348 In Prag wird die erste deut­sche Uni­ver­si­tät gegrün­det. Damit nimmt eine Ent­wick­lung schnell deut­li­che Kon­tu­ren an, die mit der Krö­nung von Karl IV. (1346) ein­ge­lei­tet wor­den war. Die Schwer­punkte des Reichs ver­la­gern sich nach Osten, Karl macht Böh­men zu sei­nem Kernland.

1378 Tod Karls des IV. Seine Söhne Sigis­mund und Wen­zel tei­len sich die Herr­schaft. Beide sind aber zu schwach. Fürs­ten, Rit­ter und Städ­te­bünde sind die wah­ren Herr­scher im Reich.

1400 Ruprecht von der Pfalz wird am Rhen­ser Königs­stuhl (heute ein „Neu­bau“ aus dem Jahr 1842) zum König erho­ben. Auch Ruprecht agiert in sei­ner zehn­jäh­ri­gen Amts­zeit glück­los und kann das alte Anse­hen der Krone nicht wiederherstellen.

1414 König Sigis­mund, der 1410 zum König gewählt wor­den war, hält sich fast vier Wochen in Koblenz auf. Am 5. Novem­ber des glei­chen Jah­res beginnt das Kon­zil von Kon­stanz, das erst im April 1418 zu Ende gehen sollte. Ein trau­ri­ger Höhe­punkt: die Ver­ur­tei­lung und Ver­bren­nung des böh­mi­schen Refor­ma­tors Jan Hus am 6. Juli 1415.

1430 Der Phi­lo­soph Niko­laus von Kues (1401 – 1464) ist Stifts­herr im Koblenz Stift St. Flo­rin. Der Uni­ver­sal­ge­lehrte sollte eine glanz­volle kirch­li­che Kar­riere machen. Unter ande­rem wurde er Fürst­bi­schof von Bri­xen (Süd­ti­rol) und Kardinal.

1486 Noch zu Leb­zei­ten sei­nes Vaters Fried­rich III. wird Maxi­mi­lian am 9. April in Aachen zum König gekrönt. Am 26. Juni hal­ten sich Vater und Sohn in Koblenz auf.

1492 Im Sep­tem­ber fin­det in Koblenz ein Reichs­tag statt. Und wie bereits 1338 ist eine eng­li­sche Dele­ga­tion mit dabei, um Stim­mung gegen Frank­reich zu machen. Die Hoff­nung auf eine hohe finan­zi­elle Unter­stüt­zung durch das Reich und seine Fürs­ten erfüll­ten sich nicht. 

1495 Reichs­tag zu Worms und Ver­kün­dung des Ewi­gen Land­frie­dens. Das Feh­de­we­sen wird besei­tigt, das Reichs­kam­mer­ge­richt ent­steht. Maxi­mi­lian (seit 1508 Kai­ser) herrscht unan­ge­foch­ten bis zu sei­nem Tod im Jahr 1519, der in die Anfänge der Refor­ma­ti­ons­zeit fällt.

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Teil 13: „Machtmensch“ Balduin

Die Balduinbrücke im späten 19. Jahrhundert. Die beiden Brückentürme waren „Neubauten“ der Koblenzer Stadtbefestigung. Zu dieser Zeit waren die Aufbauten der Barockzeit schon längst verschwunden. Und auch in den folgenden Jahren wurde die Brücke, die einst als eine der ältesten Steinbrücken nördlich der Alpen bewertet wurde, immer wieder verändert. Foto: Stadtarchiv Koblenz

Die Bal­du­in­brü­cke im spä­ten 19. Jahr­hun­dert. Die bei­den Brü­ck­en­türme waren „Neu­bau­ten“ der Koblen­zer Stadt­be­fes­ti­gung. Zu die­ser Zeit waren die Auf­bau­ten der Barock­zeit schon längst ver­schwun­den. Und auch in den fol­gen­den Jah­ren wurde die Brü­cke, die einst als eine der ältes­ten Stein­brü­cken nörd­lich der Alpen bewer­tet wurde, ver­än­dert. Foto: Stadt­ar­chiv Koblenz

Koblenz. An die Preu­ßen erin­nert man sich ungern, wäh­rend über die Jahr­hun­derte unter trie­ri­scher Herr­schaft heute schon fast ehr­fürch­tig gespro­chen wird. His­to­ri­sche Argu­mente für eine sol­che Ver­klä­rung gibt es nicht. Denn die Trie­rer Erz­bi­schöfe waren knall­harte Macht­men­schen, denen es vor allem darum ging, ihr Herr­schafts­ge­biet zu fes­ti­gen. Platz für bür­ger­li­che Frei­heits­wün­sche war da wenig. Das beka­men die Koblen­zer spä­tes­tens seit dem 13. Jahr­hun­dert zu spüren.

Der Kon­flikt eskalierte

War es unter Hein­rich von Fins­tin­gen in den Jah­ren von 1276 bis 1280 bereits wegen Abga­ben und Arbeits­ein­sät­zen beim Bau der Alten Burg zu Kon­flik­ten gekom­men, eska­lierte die Situa­tion unter Diet­her von Nas­sau voll­ends. Es kam zum Auf­stand, den der Erz­bi­schof 1304 bru­tal nie­der­schlug. Die bür­ger­li­che Mit­ver­wal­tung war fortan Geschichte, der vier Jahre zuvor ein­ge­setzte Stadt­rat war auf­ge­löst. Ein schwa­cher Trost war, dass Diet­her auch in der kirch­li­chen Welt alles andere als beliebt war. Er bean­spruchte zum Bei­spiel Ein­nah­men aus den Pfar­reien sei­nes Erz­bis­tums – wohl auch, um seine mili­tä­ri­schen Aus­ga­ben in den Griff zu bekom­men. Denn der Nas­sauer ließ in sei­nem Ter­ri­to­rium Bur­gen und andere Befes­ti­gun­gen errichten.

Diet­her von Nas­sau schaffte es sogar, den Hei­li­gen Stuhl gegen sich auf­zu­brin­gen. Dabei hatte er selbst ein­mal in Diens­ten des Paps­tes Boni­faz VIII. gestan­den. Und 1300 war er von Papst Cle­mens V. gegen den Wil­len des Trie­rer Dom­ka­pi­tels (das Hein­rich III. von Vir­ne­burg favo­ri­siert hatte) an die Spitze des Erz­bis­tums gesetzt wor­den. Doch das reichte Diet­her von Nas­sau offen­bar nicht.

Der Erz­bi­schof schaffte es schließ­lich sogar, exkom­mu­ni­ziert und sus­pen­diert zu wer­den. In sei­ner Gier nach Mehr­ein­nah­men hatte er sich nicht nur mit dem Dom­ka­pi­tel, son­dern auch mit den Spit­zen der Trie­rer Klös­ter und Stifte ange­legt. Man warf dem Erz­bi­schof schließ­lich sogar vor, Reli­quien in sei­nen Pri­vat­be­sitz neh­men zu wol­len. Und einen päpst­li­chen Lega­ten, der im Kon­flikt ver­mit­teln wollte, behan­delte Diet­her sogar schlecht. Zu einer Lösung kam es nicht mehr, weil der Nas­sauer 1307 starb. Die Nie­der­wer­fung der Koblen­zer Auf­stände unter den Erz­bi­schö­fen Hein­rich und Diet­her bedeu­tete für die Bür­ger eine scharfe Zäsur. Ihr Traum von Frei­heit in einer Stadt, die direkt dem König und Kai­ser unter­stand, war end­gül­tig aus­ge­träumt. Auch wenn spä­ter wei­tere Ver­su­che fol­gen soll­ten, sich aus den erz­bi­schöf­li­chen Fän­gen zu lösen, ist das frühe 14. Jahr­hun­dert die Zeit, in der die Ent­wick­lung von Koblenz zu einer Land­stadt begann.

Reichs­po­li­tisch unbedeutend

Dass die Stadt reichs­po­li­tisch immer wei­ter an Bedeu­tung ver­lor, hatte auch wirt­schaft­li­che Gründe. Koblenz war näm­lich vor allem Zen­trum für den regio­na­len Han­del. Sieht man ein­mal von Wein und Holz ab, gelang es nie, den Wirt­schafts­stand­ort trotz her­vor­ra­gen­der Lage zu einer reichs­weit bedeu­ten­den Dreh­scheibe für den Waren­um­schlag zu machen. Das lag sicher­lich auch daran, dass sich spä­tes­tens im 14. Jahr­hun­dert die Schwer­punkte vom ter­ri­to­rial zer­split­ter­ten Rhein­tal all­mäh­lich nach Osten verschoben.

Kai­ser und Könige mach­ten fortan nur noch in Koblenz Sta­tion, wenn die Trie­rer Erz­bi­schöfe in der Gro­ßen Poli­tik mit­misch­ten. Einer von ihnen beherrschte die Kla­via­tur von Macht und Diplo­ma­tie beson­ders vir­tuos: Bal­duin von Luxem­burg. Der neue Erz­bi­schof sollte 1307 zum Nach­fol­ger Diet­hers gewählt wer­den und sein Amt sage und schreibe 47 Jahre aus­üben. Bal­duin schaffte das, was sei­nen Vor­gän­gern ver­wehrt blieb: ein geschlos­se­nes Ter­ri­to­rium, in dem er fest die Zügel in der Hand hielt. Ein Instru­ment sei­ner Macht war eine Ver­wal­tungs­re­form. Bal­duin teilte sein Herr­schafts­ge­biet in ein Ober­erz­stift und ein Nie­der­erz­stift. Das stra­te­gisch so wich­tige Koblenz wurde zur Haupt­stadt des Nie­der­erz­stif­tes. Ange­neh­mer Neben­ef­fekt: Weil Koblenz durch die­sen Schritt recht­lich enorm auf­ge­wer­tet wurde, nahm auch das Kon­flikt­po­ten­zial mit den Bür­gern ab. Inves­ti­tio­nen in die örtli­che Infra­struk­tur, so zum Bei­spiel durch den Bau eines neuen Mosel­über­gangs, soll­ten auch die Skep­ti­ker bei Laune halten.

Eis­kalte Berechnung

Die Fort­schritte in Bal­duins Ein­fluss­ge­biet soll­ten jedoch nicht dar­über hin­weg­täu­schen, dass der Luxem­bur­ger vor allem eines war: ein eis­kal­ter Stra­tege, des­sen Ambi­tio­nen auch die Koblen­zer mit Blut bezah­len soll­ten. Denn die Adels­ge­schlech­ter, die sich gegen den Ein­fluss des Erz­bi­schofs stell­ten, wur­den mit Waf­fen­ge­walt bekämpft. Das ging aller­dings nicht immer gut, wie der Kon­flikt mit dem begü­ter­ten und ein­fluss­rei­chen Rit­ter Rein­hard von Wes­ter­burg zeigte. Bal­duin wollte seine Herr­schaft im Wes­ter­wald und an der Lahn fes­ti­gen, wäh­rend Rein­hard von Wes­ter­burg nach Wes­ten schaute. Zwar ent­schied Bal­duin den Kon­flikt für sich, doch sahen sich die Koblen­zer bedroht.

Die „Grenzauer Fehde“

Auf eigene Faust zogen 800 Bür­ger schließ­lich gegen den Wes­ter­wäl­der ins Feld. Sie woll­ten Grenzau für den Kur­fürs­ten zurück­ge­win­nen. Damit woll­ten sie sich auf ihre Weise für den Brü­cken­bau und neu gewährte Frei­hei­ten bedan­ken. Der Waf­fen­gang vom 20. April 1347 ging schließ­lich als Tra­gö­die in die Stadt­ge­schichte ein. Denn die Koblen­zer hat­ten Rein­hard von Wes­ter­burg offen­bar unter­schätzt. Min­des­tens 172 von ihnen lie­ßen ihr Leben – ein sinn­lo­ses Opfer, weil die Ent­schei­dun­gen mit gro­ßer Trag­weite längst ganz woan­ders gefal­len waren.

Alte Glanz kehrt zurück

In der „Ära Bal­duin“ wird euro­päi­sche und deut­sche Poli­tik gestal­tet. Und der Trier Erz­bi­schof gilt als eine der ein­fluss­reichs­ten Per­sön­lich­kei­ten sei­ner Zeit – und als Königs­ma­cher. Denn er hatte nicht nur dafür gesorgt, dass sein Bru­der Hein­rich der VII. auf den Thron gewählt wurde, son­dern nach des­sen frü­hem Tod auch des­sen Nach­fol­ger. Bal­duin gilt auch als der­je­nige, der den Auf­stieg Lud­wigs des Bay­ern för­derte. Und noch ein­mal sollte der Glanz der Könige und Kai­ser in Koblenz Ein­zug hal­ten. Doch das ist eine andere Geschichte.

Der Koblenzer Bildhauer Rudi Scheuermann verewigte Erzbischof Balduin. Foto: Kallenbach

Bild­hauer Rudi Scheu­er­mann ver­ewigte Erz­bi­schof Bal­duin. Foto: Kallenbach

Nach 85 Jah­ren war die Brü­cke fertig

Die Alte Mosel­brü­cke wurde zwi­schen 1332 und 1338 auf Initia­tive des Erz­bi­schofs Bal­duin begon­nen, des­sen Namen sie heute auch trägt. Erst nach 85 Jah­ren wurde sie mit dem Bau des Brü­ck­en­turms voll­en­det. Der aus Grau­wa­cke und vul­ka­ni­schem Gestein errich­tete Brü­cken­bau war eine tech­ni­sche und finan­zi­elle Her­aus­for­de­rung. Rom gewährte wie­der­holt Ablässe, damit der Bau über­haupt finan­ziert wer­den konnte.
Die Bal­du­in­brü­cke, die einst zu den ältes­ten Stein­brü­cken nörd­lich der Alpen gehörte, wurde im Laufe ihrer lan­gen Geschichte immer wie­der ver­än­dert. Als die Stadt im letz­ten Drit­tel des 17. Jahr­hun­derts neu befes­tigt wurde, musste man auch die bei­den Brü­ck­en­türme über­ar­bei­tet. Im 18. Jahr­hun­dert ver­schwand schließ­lich der Tor­bau auf der Lüt­ze­ler Seite. 1775 wurde auch das Tor auf der Koblen­zer Seite besei­tigt. Im Zuge des Baus der Koblen­zer Stadt­be­fes­ti­gung in der preu­ßi­schen Zeit wurde 1834 ein neues Brü­ck­en­tor gebaut, das aller­dings nur bis zum Abbruch in den Jah­ren 1897 und 1898 Bestand hatte. Um die Mitte des 19. Jahr­hun­derts wurde auch der achte Bogen, der soge­nannte Teu­fels­bo­gen mit rotem Sand­stein neu ein­ge­wölbt, nach­dem er von der Artil­le­rie ver­se­hent­lich beschä­digt wor­den war.

Um den Anfor­de­run­gen des Ver­kehrs zu genü­gen, wurde die Trasse auf der Brü­cke 1883 ver­brei­tert, auch um Raum für Fuß­gän­ger zu schaf­fen. Im Zuge der Maß­nah­men ver­schwan­den die baro­cken Brüs­tun­gen und zahl­rei­che Details aus dem Mit­tel­al­ter. Die gra­vie­rends­ten Ein­griffe brach­ten jedoch der Zweite Welt­krieg und die Ver­än­de­run­gen der Wie­der­auf­bau­jahre. Zunächst sprengte die Wehr­macht auf ihrem Rück­zug die Brü­cke. Drei Strom­bö­gen auf der Koblen­zer Seite stürz­ten in die Mosel. Der Wie­der­auf­bau erfolgte von 1946 bis 1954.

Das heu­tige Aus­se­hen der Brü­cke ist ein Ergeb­nis des Ver­tra­ges zur Schiff­bar­ma­chung der Mosel von 1956. Acht Jahre spä­ter wur­den sechs Bögen der nörd­li­chen Brü­cken­hälfte durch­bro­chen. 1970 folg­ten auch die zuge­hö­ri­gen Pfei­ler. Die moderne Brü­cken­kon­struk­tion der Nord­hälfte wurde 1975 vollendet.

Die wich­tigs­ten Jah­res­zah­len: Das 14. Jahrhundert

1300 Ein Sta­tut über die Wahl des Stadt­ra­tes wird am 12. Juli erlassen.

1304 Die Bür­ger erhe­ben sich gegen Erz­bi­schof Diet­her von Nas­sau. Die­ser schlägt den Auf­stand nie­der. Einen Stadt­rat gibt es vor­erst nicht mehr.

1307 Nach dem Tod von Diet­her von Nas­sau wird Bal­duin von Luxem­burg Erz­bi­schof. Er regiert bis 1354. 

1308 Hein­rich VII. wird König, die Kai­ser­krö­nung folgt 1312. Der Luxem­bur­ger regiert bis 1313. Nach­fol­ger wird Lud­wig der Bayer, der 1328 Kai­ser wird und 1347 stirbt. 

1309 König Hein­rich VII ver­leiht Koblenz einen Jahrmarkt.

1331 Wach­ab­lö­sung auf dem Bea­tus­berg. Im Nor­den der heu­ti­gen Kart­hause zieht der Kart­häu­ser­or­den in das ehe­ma­lige Bene­dik­ti­ner­klos­ter ein.

1338 Hof­tag in Koblenz im August und Sep­tem­ber unter Kai­ser Lud­wig (der Bayer). Auch der eng­li­sche König Edu­ard III. ist anwesend.

1343 Die an der Süd­seite der Lieb­frau­en­kir­che gele­gene Fried­hofs­ka­pelle St. Michael wird urkund­lich erwähnt.

1346 König Karl IV. wird König. Die Kai­ser­krö­nung des Luxem­bur­gers folgt 1355. Karl stirbt 1378.

1347 Die Grenzauer Fehde endet am 20. April mit einer ver­hee­ren­den Nie­der­lage der Koblen­zer Bürger.

1347 Der Koblen­zer Rhein­zoll wird nach Kapel­len verlegt.

1356 Die Gol­dene Bulle regelt Wahl und Krö­nung der römisch-deutschen Könige. Streng genom­men kann man erst seit die­sem „Grund­ge­setz“ von Kur­fürs­ten sprechen.

1366 Erneut wird ein Stadt­rat genannt. For­scher spre­chen von einer „zwei­ten Rats­grün­dung“, weil fortan frü­her nicht ver­tre­tene Grup­pen betei­ligt werden.

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Stadtgeschichte 12: Frühe Stadtansichten

Koblenz. Im spä­ten 13. Jahr­hun­dert war Koblenz eine voll funk­ti­ons­fä­hige Stadt. Auch wenn Bau­hand­wer­ker die mit­tel­al­ter­li­che Mauer noch nicht voll­stän­dig fer­tig­ge­stellt hat­ten, prä­sen­tierte sich das von ihr umschlos­sene, ins­ge­samt 42 Hektar große Areal im Bereich der heu­ti­gen Alt– und Innen­stadt rela­tiv gut geschützt. Dazu kam, dass sich das Zen­trum an Rhein und Mosel zu einer zwei­ten Haupt­stadt der Trie­rer Erz­bi­schöfe entwickelte.

Beson­ders gefürch­tet war Erz­bi­schof Hein­rich von Vin­stin­gen (1260 – 1286), der die Koblen­zer mit hohen Abga­ben für den Bau der Alten Burg belas­tet hatte. Diese war am west­li­chen Ende des spät­an­ti­ken Kas­tells durch den Aus­bau eines eins­ti­gen Wohn­turms der Fami­lie von der Arken ent­stan­den, des­sen Kern heute noch erhal­ten ist. Den­noch offen­bart die Alte Burg ein zen­tra­les Pro­blem in der Koblen­zer Stadt­ge­schichts­for­schung: In der heu­ti­gen Alt­stadt steht kaum ein Bau­werk, das sich im Zustand des Mit­tel­al­ters prä­sen­tiert. Diese Aus­sage gilt selbst für die drei roma­ni­schen Haupt­kir­chen, die in den fol­gen­den Jahr­hun­der­ten aus­ge­baut und ver­än­dert wur­den. Und der Kern­bau der Alten Burg spie­gelt heute das Ergeb­nis der Aus­bau­pha­sen des 17. und 18. Jahr­hun­derts wider. Auch Gra­ben, Befes­ti­gung und Neben­bau­ten kön­nen nur noch mit viel Fan­ta­sie rekon­stru­iert werden. 

Der Kupferstich aus Matthäus Merians (der Ältere) „Topographia Germaniae“. Gezeigt wird Koblenz während der Beschießung durch schwedische Truppen im Sommer 1632. Die Illustration wird immer wieder gern genannt, wenn es um das Stadtbild im hohen Mittelalter geht. Doch genauere Untersuchungen zeigen: Abgesehen von der Darstellung der Stadtmauer stimmt in der Darstellung wenig. Reproduktionen: Stadtarchiv Koblenz/Mittelrhein-Museum

Der Kup­fer­stich aus Mat­thäus Meri­ans (der Ältere) „Topo­gra­phia Ger­ma­niae“. Gezeigt wird Koblenz wäh­rend der Beschie­ßung durch schwe­di­sche Trup­pen im Som­mer 1632. Die Illus­tra­tion wird immer wie­der gern genannt, wenn es um das Stadt­bild im hohen Mit­tel­al­ter geht. Doch genauere Unter­su­chun­gen zei­gen: Abge­se­hen von der Dar­stel­lung der Stadt­mauer stimmt in der Dar­stel­lung wenig. Repro­duk­tio­nen: Stadt­ar­chiv Koblenz/Mittelrhein-Museum

Kein Ori­gi­nal­zu­stand

Was sich für die Alte Burg fest­stel­len lässt, gilt auch für eine Reihe wei­te­rer Gebäude, die im Kern zwar mit­tel­al­ter­lich sind, aber den­noch das Bild der Frü­hen Neu­zeit und des 19. Jahr­hun­derts wider­spie­geln. Des­halb wird immer wie­der gern ver­sucht, das mit­tel­al­ter­li­che Stadt­bild mit­hilfe der frü­hen Bild­quel­len zu rekonstruieren.

Die wohl bekann­teste frühe Koblenz-Darstellung ist der Kup­fer­stich aus dem 1646 erschie­ne­nen sieb­ten Teil der „Topo­gra­phia Ger­ma­niae”. Der berühmte Kup­fer­ste­cher Mat­thäus Merian der Ältere (1593 – 1650) gab die­ses ins­ge­samt 50-bändige Monu­men­tal­werk zusam­men mit Mar­tin Zeil­ler her­aus. Es ent­hält mehr als 2000 Kup­fer­sti­che von Stadt­an­sich­ten, Plä­nen und ein­zel­nen Bauwerken.

Auch wenn der Koblenz-Stich die Stadt wäh­rend der Beschie­ßung durch schwe­di­sche Trup­pen im Som­mer 1632 zeigt, dürfte die Gra­fik alles andere als eine authen­ti­sche Bild­quelle sein. Sie ent­stand wohl erst eine Dekade spä­ter. Als Vor­la­gen dien­ten Stadt­an­sich­ten des 16. Jahrhunderts. 

Merian-Schüler lie­ferte Details

Wich­tig wur­den die Details, die Wen­zel Hol­lar lie­ferte. Der Gra­fi­ker ist Meri­ans Schü­ler gewe­sen, hatte sich dann aber selbst­stän­dig gemacht und in krie­ge­ri­scher Zeit meh­rere Rhein­rei­sen unter­nom­men. Die noch erhal­te­nen neun Zeich­nun­gen und zwei Radie­run­gen stam­men wohl aus den Jah­ren 1632 und 1635. Sie gehör­ten zu den Quel­len, die schließ­lich in die Arbeit in Meri­ans Werk­statt ein­flos­sen. Dazu kam ein kräf­ti­ger Schuss Fan­ta­sie, denn in den Jah­ren, in denen die „Topo­gra­phia“ ent­stand, war Koblenz infolge des Drei­ßig­jäh­ri­gen Krie­ges weit­ge­hend zerstört.

Bei genaue­rer Betrach­tung und dem Ver­gleich mit his­to­ri­schen Stadt­plä­nen stellt sich her­aus, dass am Merian-Stich so gut wie nichts stimmt. Selbst die wich­ti­gen Ver­kehrs­ach­sen sind falsch oder völ­lig ver­zerrt ein­ge­tra­gen. Die große Aus­nahme: die Stadt­mauer, deren Dar­stel­lung wohl auf Wen­zel Hol­lars Rhein­rei­sen zurück­geht. Der Gra­fi­ker war per Schiff an Koblenz vor­bei­ge­fah­ren und hatte Skiz­zen ange­fer­tigt. Die Stadt hat er wegen der wid­ri­gen Umstände der Zeit wohl nie betre­ten. Der Künst­ler konnte des­halb Stra­ßen­ver­läufe und Bebau­ung hin­ter der Stadt­mauer unmög­lich dokumentieren.

Und Mat­thäus Merian? Obwohl der berühmte Gra­fi­ker und Ver­le­ger das Grauen des Krie­ges in vie­len Städ­ten selbst gese­hen und seine Erleb­nisse bereits 1635 im „Thea­trum Euro­paeum” ver­ar­bei­tet hatte, dürfte er nie in Koblenz gewe­sen sein. Und selbst, wenn in sei­ner Werk­statt spä­ter die unter­schied­lichs­ten Quel­len ver­ar­bei­tet wur­den, sollte die künst­le­ri­schen Frei­hei­ten nicht unter­schätzt wer­den. Auch Koblenz wird, der dama­li­gen Mode ent­spre­chend, aus der Vogel­per­spek­tive gezeigt. Diese Betrach­tungs­weise hatte sowohl für den Zeich­ner als auch für den Kup­fer­ste­cher den Vor­teil, dass die Vor­züge eines Grund­ris­ses mit der Anschau­lich­keit einer Stadt­an­sicht ver­bun­den wer­den konn­ten. Des­halb musste sich der Künst­ler in einen Aus­gangs­punkt hin­ein­ver­set­zen, den es in Wirk­lich­keit gar nicht gab. Das führte bei der gra­fi­schen Umset­zung zwangs­läu­fig zu Ver­zer­run­gen. Dazu kommt, dass auch die älte­ren Dar­stel­lun­gen alles andere als genau waren.

Holzschnitt des Grafiker Hans Rudolf Manuel Deutsch (1525–1571) aus der von Sebastian Münster zum ersten Mal 1544 veröffentlichten „Cosmographey“, einer Beschreibung der Länder und Städte Deutschlands.

Holz­schnitt des Gra­fi­ker Hans Rudolf Manuel Deutsch (1525 – 1571) aus der von Sebas­tian Müns­ter zum ers­ten Mal 1544 ver­öf­fent­lich­ten „Cosmo­gra­phey“, einer Beschrei­bung der Län­der und Städte Deutschlands.

Die ältes­ten Darstellungen

In der lan­gen Reihe der frü­hen Koblenz-Darstellungen muss zuerst das um 1525 ent­stan­dene Fresko des Köl­ner Künst­lers Anton Woen­sam genannt wer­den. Zwar ste­hen die Hei­li­gen Flo­rin, Katha­rina und Kas­tor im Mit­tel­punkt der Dar­stel­lung, doch sind im Hin­ter­grund wich­tige Gebäude der Stadt zu erken­nen. Bei­spiele sind die Deutschor­dens­nie­der­las­sung, die drei Haupt­kir­chen, das Alte Kauf­haus und die Alte Burg.

Aus­sa­ge­kräf­ti­ger ist der Koblenz-Holzschnitt in der „Cosmo­gra­phey”, die Sebas­tian Müns­ter zum ers­ten Mal im Jahre 1544 ver­öf­fent­lichte. Diese Beschrei­bung der Län­der und Städte Deutsch­lands ent­hält Bei­träge ver­schie­de­ner Ver­fas­ser. Als Vor­la­gen für die Illus­tra­tio­nen fan­den viel­fach bereits vor­han­dene Abbil­dun­gen Ver­wen­dung. Von „Son­der­an­fer­ti­gun­gen” kann in den wenigs­ten Fäl­len die Rede sein. Diese Fest­stel­lung gilt vor allem für den aus dem Jahr 1549 stam­men­den Holz­schnitt von Koblenz.

Wie aus dem Begleit­text in der Auf­lage des Wer­kes von 1598 her­vor­geht, wurde Erz­bi­schof Johann von Isen­burg (1547 – 1556) um die Über­sen­dung einer Ansicht gebe­ten. Diese Ansicht diente dann dem Gra­fi­ker Hans Rudolf Manuel Deutsch (1525 – 1571) als Vor­lage für einen Holz­schnitt. Die­ser wurde in spä­te­ren Auf­la­gen nur noch leicht ver­än­dert, wobei der Schwer­punkt auf den Beschrif­tun­gen lag. Alle Vari­an­ten haben eines gemein­sam: Bei der Wie­der­gabe von Koblenz samt der umlie­gen­den Nach­bar­orte legte man kei­nen beson­de­ren Wert auf Genau­ig­keit. So sind die mit­tel­al­ter­li­chen Dör­fer Neu­en­dorf und Wal­lers­heim nicht ein­ge­tra­gen. Die Insel Nie­der­werth und das Dorf Kes­sel­heim wur­den strom­auf­wärts ver­scho­ben. Für His­to­ri­ker ist nur die Dar­stel­lung der mosel­sei­ti­gen Stadt­mauer ver­wert­bar. Sie grei­fen des­halb lie­ber auf die Dar­stel­lung im „Städ­te­buch“ zurück, das 1572 in Köln erschien und auf die Initia­tive des Dechan­ten Georg Braun und des Kup­fer­ste­chers Franz Hogen­berg zurück­ging. Das Werk sollte auch spä­tere Gra­fi­ker nach­hal­tig beeinflussen.

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Stadtgeschichte 11: Ränkespiele in Koblenz

Koblenz. Am Rhein wurde gerade im Mit­tel­al­ter deut­sche und euro­päi­sche Geschichte geschrie­ben. Das lag vor allem daran, dass der Strom schon damals eine der zen­tra­len Adern Euro­pas war. Dort pul­sierte das wirt­schaft­li­che Leben. Weil die Stra­ßen meist schlecht waren, wichen Händ­ler auf das Was­ser aus. Die Folge: Der Fluss wurde weit inten­si­ver befah­ren, als es heute der Fall ist. Dar­auf hat der His­to­ri­ker Prof. Dr. Ste­fan Wein­fur­ter hingewiesen.

Die große wirt­schaft­li­che Bedeu­tung des Rhein­tals hatte gra­vie­rende poli­ti­sche Fol­gen. Es ent­stand ein ter­ri­to­ria­ler „Fli­cken­tep­pich“, weil sich viele mäch­tige Her­ren den Zugang zu den lukra­ti­ven Rhein­zöl­len sichern und zusätz­li­che Ein­nah­me­quel­len für sich erschlie­ßen woll­ten. Das gegen­sei­tige Ver­trauen der Mäch­ti­gen, die die Schwä­che der Krone zu nut­zen wuss­ten, hielt sich in engen Gren­zen. Vor allem im 13. Jahr­hun­dert such­ten sie, ihren Ein­fluss durch den Bau von Bur­gen zu fes­ti­gen. So sicher­ten die Bur­gen Lahn­eck und Stol­zen­fels die Fluss­zölle, wäh­rend die Marks­burg über Brau­bach die Erz­vor­kom­men schützte.

Der große Rhein­bau von 1278, der heute die Hei­mat des Lud­wig Muse­ums ist, zeugt von der gro­ßen Geschichte des Deut­schen Ordens in Koblenz. Die Auf­nahme von 1938 zeigt die wei­te­ren Gebäude des Ver­wal­tungs­sit­zes, die im Krieg schwer beschä­digt oder zer­stört wur­den. Foto: Stadt­ar­chiv Koblenz

Im Zen­trum der gro­ßen Politik

Die geist­li­chen Lan­des­her­ren spiel­ten in den Rän­ke­spie­len um die Vor­macht an Rhein und Mosel eine nicht zu unter­schät­zende Rolle. Und die Könige brauch­ten ihre Unter­stüt­zung. Das erklärt auch, warum Koblenz immer wie­der im Mit­tel­punkt reichs­po­li­tisch bedeu­ten­der Ereig­nisse stand, obwohl es seine Bedeu­tung als Kron­gut bereits 1018 ver­lo­ren hatte. Es kommt nicht von unge­fähr, dass die Ära der stau­fi­schen Könige und Kai­ser in Koblenz begann. Bereits das Schick­sals­jahr 1138 zeigt: Die Gro­ßen eines Rei­ches brauch­ten nicht immer Zen­tren wie Köln und Mainz, um ihre Geg­ner vor voll­en­dete Tat­sa­chen zu stel­len. Manch­mal genügte eine Klein­stadt oder ein ver­kehrs­güns­tig gele­ge­nes Dorf. Nicht umsonst griff Kon­rad III. in Lüt­zel­ko­blenz nach der Krone und gab sie nicht wie­der her.

Am 7. März 1138 tra­fen sich hohe Wür­den­trä­ger im heu­ti­gen Stadt­teil, um einen Nach­fol­ger für den am 3. Dezem­ber ver­stor­be­nen Lothar III. von Supplin­burg zu wäh­len. Ort des Gesche­hens war die alte Peters­kir­che, die bis zum Ende des 17. Jahr­hun­derts bestand. Die Lüt­ze­ler Ereig­nisse sind in jeder Hin­sicht denk­wür­dig. Kon­rad hatte zu die­ser Zeit nur eine Min­der­heit der Mäch­ti­gen hin­ter sich. Nun galt es, die Ansprü­che schnell „durch­zu­drü­cken“. Den dama­li­gen Akteu­ren kam dabei ent­ge­gen, dass es weder einen Natio­nal­staat noch eine ein­heit­li­che Ver­fas­sung gab. Und so fiel den welt­li­chen und geist­li­chen Lan­des­her­ren eine beson­dere Rolle zu.

Zu den Unter­stüt­zern Kon­rads gehörte auch der Trie­rer Erz­bi­schof Albero von Mon­treuil, den Ste­fan Wein­fur­ter als einen der geschick­tes­ten und skru­pel­lo­ses­ten Macht­men­schen sei­ner Zeit bezeich­net. Albero wusste, dass sein Ter­ri­to­rium durch Wider­sa­cher gefähr­det war. Beson­ders Pfalz­graf Wil­helm von Bal­len­s­tedt machte ihm das Leben schwer. Die Rech­nung des Erz­bi­schofs war ein­fach: Wenn er Kon­rad unter­stützte, konnte er sich des­sen Dank sicher sein. Dass er sich für die­sen König ent­schied, hatte einen ein­fa­chen Grund.

Knall­har­ter Machtpoker

Der zum Geschlecht der Aska­nier gehö­rende Pfalz­graf war mit dem eben­falls aus Sach­sen stam­men­den Lothar von Supplin­burg ver­wandt, der kurz vor sei­nem Tod den Wel­fen Hein­rich den Stol­zen als Nach­fol­ger bestimmt hatte. Schlim­mer noch: Der Pfalz­graf, der sich auch hin­ter den Wel­fen stell­ten, unter­stützte auch eine gegen Albero gerich­tete Reform­be­we­gung. Es lag für den Erz­bi­schof auf der Hand, sich für Kon­rad zu ent­schei­den, zumal Lothar von Supplin­burg ver­sucht hatte, das Wahl­kö­nig­tum aus­zu­höh­len – was nicht im Inter­esse des Erz­bi­schofs lie­gen konnte. Umge­kehrt brauchte Kon­rad den Trie­rer, der als päpst­li­cher Legat einen kur­zen Draht zu Papst Inno­zenz II. hatte. Ent­spre­chend hoch war der Preis für den Stau­fer: Er musste auf sei­nen Ein­fluss an der Mosel ver­zich­ten, der Weg für die Kon­so­li­die­rung Triers als Ter­ri­to­rium war frei. Den­noch hätte es für Kon­rad nicht bes­ser kom­men kön­nen, weil Albero geschickt ver­stand, ein Vakuum zu fül­len: Der Main­zer „Königs­ma­cher“, Erz­bi­schof Adal­bert, war eben­falls 1137 gestor­ben. Und so konnte der Trie­rer unge­stört die Anhän­ger des Staufers und Unent­schlos­sene nach Lüt­zel­ko­blenz ein­la­den. Was zunächst als „Kol­lo­qium“ dekla­riert war, mutierte schnell zu einer Wahl. Nen­nens­wer­ten Wider­stand scheint es nicht gege­ben zu haben. Poten­zi­elle Geg­ner waren mit Wein und Lebens­mit­teln gekö­dert wor­den. Der Weg für Kon­rad war frei. Der neue König hielt Wort. Spä­tes­tens seit dem Tod Sieg­frieds von Bal­len­s­tedt (1140) hat­ten die Pfalz­gra­fen nichts mehr an der Mosel ver­lo­ren. Ihr Macht­zen­trum ver­schob sich nach Bacha­rach. Und mit Pfalz­graf Kon­rad resi­dierte schließ­lich ein Mann auf Burg Stahleck, der selbst Stau­fer war. Albero selbst konnte nun schal­ten und wal­ten, wie er wollte. Koblenz wurde ein Zen­trum sei­ner Macht. Dort starb er 1152.

Die Kapelle des Deutschen Ordens ist heute nur noch eine Ruine. Sie wurde im Rahmen der Vorbereitung der Bundesgartenschau gesichert und vom Wildwuchs befreit. Foto: Reinhard Kallenbach

Die Kapelle des Deut­schen Ordens ist heute nur noch eine Ruine. Sie wurde im Rah­men der Vor­be­rei­tung der Bun­des­gar­ten­schau gesi­chert und vom Wild­wuchs befreit. Foto: Rein­hard Kallenbach

Der Auf­stieg des Deut­schen Ordens

Auch die spä­te­ren Trie­rer Erz­bi­schöfe wuss­ten geschickt, ihre Macht zu sichern. Einer­seits sicher­ten sie ihr Ter­ri­to­rium gegen Wider­sa­cher und allzu selbst­be­wusste Rit­ter und Bür­ger, ande­rer­seits beob­ach­te­ten sie sorg­fäl­tig die Ent­wick­lun­gen im Reich. Das zeigte sich am Bei­spiel des von den Köni­gen und Kai­sern pro­te­gier­ten Deut­schen Ordens, der sich eben nicht nur der Kran­ken­pflege wid­mete, son­dern auch Speer­spitze knall­har­ter Macht­po­li­tik war, was zum Bei­spiel die spä­tere Expan­sion im Osten zei­gen sollte. 1190 in Akkon im Hei­li­gen Land gegrün­det, war der Rit­ter­or­den zunächst im Mit­tel­meer­raum erfolg­reich, dann aber auch im eigent­li­chen Reichs­ge­biet. Auch in Koblenz wurde der Orden ansässig.

Die Nie­der­las­sung, die soge­nannte Kom­mende, geht bis in das Jahr 1216 zurück. Sie ist somit die älteste am Rhein. Mög­lich wurde dies durch zahl­rei­che Schen­kun­gen und die Unter­stüt­zung des Erz­bi­schofs Diet­rich II. von Wied, der von 1212 bis 1242 regierte. Im Laufe des 13. Jahr­hun­derts baute der Orden sei­nen Stütz­punkt am Zusam­men­fluss von Rhein und Mosel aus und machte ihn zu einem der wich­tigs­ten sei­ner ins­ge­samt 13 Ver­wal­tungs­mit­tel­punkte im Reich.

Die Bezeich­nung „Deut­sches Eck“ erin­nert auch heute noch an die große Zeit des Deut­schen Ordens in der Stadt, die auch wegen ihrer wich­ti­gen Funk­tion als Han­dels­platz vor allem west­lich und östlich des alten Kerns wei­ter wuchs. Nach und nach ent­stan­den neue Stra­ßen­züge. West­lich des spät­an­ti­ken Stadt­gra­bens wurde zum Bei­spiel die Wei­ßer Gasse ange­legt, die ihren Namen vom Nach­bar­ort Mosel­weiß haben dürfte, der schon damals wirt­schaft­lich und recht­lich eng an Koblenz ange­bun­den war. Die bei­den Haupt­ach­sen der Stadt­er­wei­te­rung nach Osten waren die Fir­mung– und die hoch­was­ser­ge­fähr­dete Kas­tor­straße. Wegen der güns­ti­gen Lage an der Mosel scheint man beim Aus­bau des Kas­tor­vier­tels Über­flu­tun­gen in Kauf genom­men zu haben, obwohl die Fol­gen nicht unbe­trächt­lich waren wie in der Lim­bur­ger Chro­nik für 1396 zu lesen ist.

Spuren des Mittelalters in der heutigen Altstadt: Die Stadtmauer ist heute noch an verschiedenen Stellen zu erkennen, so auch am Peter-Altmeier-Ufer. Foto: Reinhard Kallenbach

Spu­ren des Mit­tel­al­ters in der heu­ti­gen Alt­stadt: Die Stadt­mauer ist heute noch an ver­schie­de­nen Stel­len zu erken­nen, so auch am Peter-Altmeier-Ufer. Foto: Rein­hard Kallenbach

Die neue Stadtmauer

Die neuen Stra­ßen konn­ten nicht ver­tei­digt wer­den. Dabei waren die Zei­ten mit dem Tod des Stauf­er­kai­sers Fried­rich II. im Dezem­ber 1250 und dem fol­gen­den Inter­re­gnum unsi­che­rer gewor­den. Die Bür­ger for­der­ten mehr Schutz. Die Kon­se­quenz: Erz­bi­schof Arnold von Isen­burg (1242 – 1259) machte den Weg für einen Mau­er­bau frei. Am 15. Februar 1259 gestat­tete er Rit­tern, Bür­gern sowie den Stifts­her­ren von St. Kas­tor und St. Flo­rin sogar, einen über­wie­gend auf Lebens­mit­tel zu ent­rich­ten­den Zoll – auch Ungeld genannt – nach Bezah­lung der für die Befes­ti­gung bereits gemach­ten Schul­den für den wei­te­ren Aus­bau der Anla­gen zu ver­wen­den. Die­ser Vor­gang zeigt: Auch in Koblenz war die neue Stadt­be­fes­ti­gung zunächst ein Pro­vi­so­rium aus Holz und Erde, die erst nach und nach durch stei­nerne Bau­ten abge­löst wurde.

Die Koblen­zer bau­ten bis zum Anfang des 14. Jahr­hun­derts an ihrer Stadt­mauer, die auch spä­ter immer wie­der opti­miert wurde. Es gab Ver­zö­ge­run­gen, da das Ver­hält­nis der Bür­ger zu Isen­burgs Nach­fol­ger, Erz­bi­schof Hein­rich von Vin­stin­gen (1260 – 1286), schlecht war.

Der neue Lan­des­herr hatte einen Adels­sitz aus­bauen las­sen und ver­stärkte seine Prä­senz in Koblenz. Noch schlim­mer: Er ver­langte einen Teil des Ungel­des für den Aus­bau der „Alten Burg“. Auch wur­den die Koblen­zer ver­pflich­tet, aktiv zum Bau bei­zu­tra­gen. Der Wider­stand war ver­ge­bens. Die Erz­bi­schöfe soll­ten über Jahr­hun­derte fest im Sat­tel sitzen.

Die Ära der Stauferkönige

1138 Wahl des Staufers Kon­rad III. zum König. Ort des Gesche­hens ist die alte Peters­kir­che in Lüt­zel­ko­blenz. Der Stau­fer regiert bis 1152.

1152 Fried­rich I. „Bar­ba­rossa“ wird König und 1155 Kai­ser. Der Stau­fer regiert bis 1190. Er ertrinkt wäh­rend des drit­ten Kreuz­zu­ges, als er den Fluss Saleph im Süd­os­ten der heu­ti­gen Tür­kei durch­que­ren will.

1182Die Lieb­frau­en­kir­che wird erst­mals in den schrift­li­chen Quel­len erwähnt. Aus dem­sel­ben Jahr ist ein Gerichts– und Rat­haus überliefert.

1190 Grün­dung des Rit­ter­or­dens „Brü­der vom Deut­schen Haus St. Mari­ens in Jeru­sa­lem“, kurz Deut­scher Orden genannt. Im glei­chen Jahr kommt der Sohn Bar­ba­ros­sas, Hein­rich VI., auf den Thron, der bereits 1191 Kai­ser wird.

1197 Nach dem über­ra­schen­den Tod des Kai­sers Hein­rich VI. eska­liert der Thron­streit. Zwar besteigt mit Phil­ipp von Schwa­ben als jüngs­ter Sohn Bar­ba­ros­sas ein wei­te­rer Stau­fer den Thron, doch macht ihm der Welfe Otto IV. die Königs­würde strei­tig. Es kommt zum Krieg, eine Schlacht wird im Okto­ber 1198 sogar vor den Toren von Koblenz geschla­gen. Papst Inno­zenz III. ent­schei­det sich jedoch für Otto, der bis 1218 als König regiert. Nach der Ermor­dung Phil­ipps durch den baye­ri­schen Pfalz­gra­fen Otto VIII. von Wit­tels­bach (1208) herrscht König Otto nur kurze Zeit unan­ge­foch­ten. Mit dem berühm­ten Stau­fer Fried­rich II. betritt ein mäch­ti­ger Rivale die Bühne. Der Sohn Hein­richs VI. wird 1212 und 1215 in Mainz bezie­hungs­weise in Aachen zum König gekrönt. 1220 wird Fried­rich II. Kaiser.

1236 Domi­ni­ka­ner und Fran­zis­ka­ner wer­den in Koblenz erst­mals am 11. Sep­tem­ber urkund­lich erwähnt.

1239 Koblenz erhält ein wei­te­res Hos­pi­tal, das im süd­li­chen Stadt­er­wei­te­rungs­ge­biet ein­ge­rich­tet wird. Ein ers­tes Hos­pi­tal war bereits 1110 im Bereich des Stif­tes St. Flo­rin ein­ge­rich­tet worden.

1245 Stadt­brand in Koblenz. Ein gro­ßer Teil des Haus­be­stan­des im Bereich der heu­ti­gen Alt­stadt wird zerstört.

1248 Burg Stol­zen­fels ist spä­tes­tens zu die­sem Zeit­punkt voll funk­ti­ons­fä­hig. Die Anlage war im Auf­trag des Trie­rer Erz­bi­schofs Arnold II. von Isen­burg in den Jah­ren von 1241 bis 1259 errich­tet wor­den. Sie hatte die Auf­gabe, den Rhein­zoll für den Erz­bi­schof zu sichern. Sie war ein Gegen­ge­wicht zur 1226 vom Main­zer Erz­bi­schof Sieg­fried III. von Epp­stein begon­ne­nen Burg Lahn­eck bei Oberlahnstein.

1250 Kai­ser Fried­rich II. stirbt am 13. Dezem­ber in Cas­tel Fio­ren­tino bei Lucera im süd­ita­lie­ni­schen Apu­lien. Es begin­nen unru­hige Zei­ten mit Köni­gen und Gegen­kö­ni­gen, die erst mit der Krö­nung von Rudolf von Habs­burg (1273) zu Ende gehen. Lan­des­her­ren und Städte nut­zen das lange Macht­va­kuum, um ihre Posi­tion zu stär­ken. 1254 wird der erste Rhei­ni­sche Städ­te­bund mit 59 Mit­glie­dern gegrün­det, dem Koblenz aber nicht angehört.

1259 Zur Finan­zie­rung des Neu­baus der Koblen­zer Stadt­mauer wird eine Son­der­steuer erhoben.

1267 Ein ers­tes Sie­chen­haus wird erwähnt. Stand­ort ist zunächst die Lau­bach, spä­ter das Siechhaustal.

1276 Die Exis­tenz eines Koblen­zer Stadt­ra­tes ist erst­mals schrift­lich belegt.

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Stadtgeschichte 10: Die Stadt entsteht

Zwar wurde die Danne erst im 17. Jahrhundert angelegt, doch dokumentiert der enorme Höhenunterschied auch noch heute den Übergang von römischer Kernstadt zu den Stadterweiterungsgebieten, zu denen auch die Kastorstraße gehörte.

Zwar wurde die Danne erst im 17. Jahr­hun­dert ange­legt, doch doku­men­tiert der enorme Höhen­un­ter­schied auch noch heute den Übergang von römi­scher Kern­stadt zu den Stadt­er­wei­te­rungs­ge­bie­ten, zu denen auch die Kas­tor­straße gehörte. Fotos: Rein­hard Kallenbach

Koblenz. Seit wann ist Koblenz Stadt? Trotz inten­si­ver For­schun­gen kann diese Frage nicht ein­deu­tig beant­wor­tet wer­den. Denn eine förm­li­che urkund­li­che Stadt­rechts­ver­lei­hung hat es für die Sied­lung an Rhein und Mosel nie gege­ben. Der seit 1018 erz­bi­schöf­li­che Ort macht aller­dings keine Aus­nahme. In den frü­he­ren römi­schen Kas­tell­or­ten sind die Über­gänge flie­ßend. Die Stadt­wer­dung kann sel­ten auf Jahr und Tag datiert wer­den. Des­we­gen kön­nen Ent­wick­lun­gen nur im gro­ßen gesamt­eu­ro­päi­schen Zusam­men­hang betrach­tet werden.

Gene­ra­tio­nen von His­to­ri­kern haben sich bereits mit der soge­nann­ten Urba­ni­sie­rung im 10. und 11. Jahr­hun­dert aus­ein­an­der­ge­setzt. Und beson­ders die Trie­rer Gelehr­ten haben sich in der For­schung einen Namen gemacht: Ihr Ergeb­nisse sind im – von den His­to­ri­kern Dr. Monika Escher-Apsner und Dr. Frank G. Hirsch­mann her­aus­ge­ge­be­nen – drei­bän­di­gen Monu­men­tal­werk „Die urba­nen Zen­tren des hohen und spä­ten Mit­tel­al­ters“ zusam­men­ge­fasst. Die Tri­lo­gie ist seit 2005 erhält­lich und behan­delt sage und schreibe 461 Städte im östli­chen Frank­reich und im Wes­ten Deutsch­lands. Dar­aus wird klar ersicht­lich: Die Ent­wick­lung zur Stadt hat die unter­schied­lichs­ten Hin­ter­gründe: Es gibt poli­ti­sche, recht­li­che, kirch­li­che, kul­tu­relle, wirt­schaft­li­che, fis­ka­li­sche, soziale, städ­te­bau­li­che, mili­tä­ri­sche und demo­gra­fi­sche Pro­zesse, die den Pro­zess der Stadt­wer­dung for­cie­ren. Und die Vor­gänge im Koblenz des begin­nen­den Hoch­mit­tel­al­ters pas­sen sehr gut in das euro­päi­sche Puz­zle. Denn in den Jah­ren ab 1000 gibt es gra­vie­rende Veränderungen.

Europa ver­än­dert sich

Wird die Bevöl­ke­rung im Europa der Fran­ken­zeit auf rund 24 Mil­lio­nen Men­schen geschätzt, sollte sich die Bevöl­ke­rung bis zum 14. Jahr­hun­dert mehr als ver­dop­peln. Am Ende des Spät­mit­tel­al­ters leb­ten wohl 54 Mil­lio­nen Men­schen in Europa. Eine Haupt­ur­sa­che hier­für dürfte eine Ver­bes­se­rung der Ver­sor­gungs­lage gewe­sen sein. Die Land­wirt­schaft wurde durch Rodun­gen aus­ge­baut, die um das Jahr 1100 ein­ge­führte Drei­fel­d­er­wirt­schaft ermög­lichte eine effi­zi­ente Nut­zung der Böden. Außer­dem mel­de­ten Berg­bau und Metall­ur­gie deut­li­che Fort­schritte. Und dank der Über­set­zung von Schrif­ten aus dem Ara­bi­schen gab es eine neue kul­tu­relle Blüte. Erste Erfolge wur­den bereits im 11. Jahr­hun­dert spür­bar. Die Rolle der Städte als Han­dels­zen­tren wuchs. Und das Hand­werk sie­delte sich bevor­zugt dort an, wo die wich­tigs­ten Stränge des mit­tel­al­ter­li­chen Lebens zusam­men­lie­fen. Und Koblenz hatte schon allein auf­grund sei­ner ver­kehrs­güns­ti­gen Lage gute Start­be­din­gun­gen. Mit Recht geht der His­to­ri­ker Dr. Diet­mar Flach davon aus, dass Koblenz bereits zur Zeit des Übergangs des Königs­gu­tes an die Trie­rer Erz­bi­schöfe ein bedeu­ten­der Markt­ort war, der auch auf die umlie­gen­den Dör­fer aus­strahlte. Dazu gehörte auch das heu­tige Lüt­zel, des­sen frü­hes Aus­se­hen aller­dings nicht mehr rekon­stru­ier­bar ist. Fest steht: Das kleine Dorf am nörd­li­chen Mosel­ufer, das schon früh recht­lich und wirt­schaft­lich auf Koblenz zuge­schnit­ten war, ist auch als Treff­punkt der Gro­ßen jener Zeit über­lie­fert. So ver­han­del­ten 1105 Hein­rich IV. und sein Sohn Hein­rich V. an einem unbe­kann­ten Ort im heu­ti­gen Stadt­teil, wobei das Fami­li­en­tref­fen wohl nicht allzu herz­lich ver­lief. Nur ein Jahr spä­ter musste der Vater abdan­ken, wäh­rend der Sohn Fürs­ten und Kle­rus hin­ter sich wusste.

Warum die bei­den nicht direkt in Koblenz ver­han­del­ten, ist unklar. Dabei hatte der Ort zu die­ser Zeit eini­ges zu bie­ten: Es gab zu die­ser Zeit zwei Kern­be­rei­che um die auf­stre­ben­den Stifte St. Flo­rin und St. Kas­tor und eine Bevöl­ke­rungs­struk­tur, die erste klare Kon­tu­ren ange­nom­men hatte. Es gilt als sicher, dass Han­del und Hand­werk bereits zu die­ser Zeit eine starke Rolle spiel­ten und eigene Inter­es­sen­ver­tre­tun­gen gegrün­det hat­ten. Fer­ner hatte sich nach der Schen­kung des Kron­gu­tes Koblenz eine neue örtli­che Elite her­aus­ge­bil­det, die dem Trie­rer Erz­bi­schof die Treue gelobt hatte. Die­ser neue Stadt­adel ging dazu über, im Gebiet der heu­ti­gen Innen­stadt befes­tigte Gebäude zu errich­ten. Wohn­türme, wie man sie heute noch in Regens­burg bewun­dern kann, dürf­ten auch das Bild von Koblenz im 11. und 12. Jahr­hun­dert geprägt haben.

Der Höhenunterschied von der Liebfrauenkirche zum Entenpfuhl lässt immer noch den großen Abstand zwischen Kastell und Graben erahnen.

Der Höhen­un­ter­schied von der Lieb­frau­en­kir­che zum Enten­pfuhl lässt immer noch den gro­ßen Abstand zwi­schen Kas­tell und Gra­ben erahnen.

Bür­ger behaup­ten sich

Auch wenn Könige und Kai­ser nur noch mit­tel­bar auf die Stadt wir­ken konn­ten, heißt das nicht, dass der Kle­rus das Gesche­hen am Ort domi­nierte. Im Gegen­teil: Eine Mit­ver­wal­tung der Bür­ger ist bereits für 1182 schrift­lich bezeugt. Die ers­ten Stadt­sie­gel ent­stan­den in den Jah­ren 1198 und 1214. Sie ste­hen damit für einen politisch-gesellschaftlichen Pro­zess, der nach rund 200 Jah­ren end­lich zum Abschluss gekom­men war. Die Koblen­zer konn­ten mit Fug und Recht behaup­ten, Städ­ter zu sein. Vor mög­li­chen mili­tä­ri­schen Überg­rif­fen und Feh­den waren sie unzu­rei­chend geschützt. Wäh­rend sich der Adel in seine Stadt­türme zurück­zie­hen konnte, gab es für die Bür­ger nur noch das alte Kas­tell, das theo­re­tisch als Zita­delle genutzt wer­den konnte. Aller­dings muss die Anlage in einem deso­la­ten Zustand gewe­sen sein. Die ältere For­schung geht des­halb davon aus, dass an der Wende vom 12. zum 13. Jahr­hun­dert um die alte Römer­mauer ein neuer Mau­er­ring gelegt wurde. Als Urhe­ber die­ser Theo­rie kann Dr. Max Bär bezeich­net wer­den. Der Pio­nier des Koblen­zer Archiv­we­sens ging davon aus, dass bereits im 12. Jahr­hun­dert eine neue mit­tel­al­ter­li­che Befes­ti­gungs­an­lage bestand. Als Beweis führte er eine Urkunde von 1182 an. Dort ist von Ver­mitt­lungs­be­mü­hun­gen des Erz­bi­schofs zwi­schen der Stadt und dem St. Sime­ons­stift in Trier die Rede. Streit­punkt war, dass die Koblen­zer einen Teil des dem Trie­rer Stift gehö­ren­den Mosel­zolls „ad civi­ta­tis edi­fi­cia”, also zu Zwe­cken des „Stadt­baus”, bean­spruch­ten. Dar­aus lei­te­ten Dr. Adam Gün­ther und Dr. Fritz Michel spä­ter ab, dass damals im Abstand von 12 Metern zum Kas­tell eine neue Stadt­mauer errich­tet wor­den war.

Die archäo­lo­gi­schen Beob­ach­tun­gen der jüngs­ten Ver­gan­gen­heit brach­ten jedoch keine Beweise für die älte­ren Inter­pre­ta­tio­nen. Frag­lich ist daher, ob die im zwölf­ten Jahr­hun­dert durch­ge­führ­ten Arbei­ten wirk­lich die Grö­ßen­ord­nung einer völ­li­gen Neu­an­lage hat­ten. Aus Urkun­den des Stif­tes St. Flo­rin geht ein­deu­tig her­vor, dass Teile des spät­an­ti­ken Kas­tells auch noch im aus­ge­hen­den Mit­tel­al­ter genutzt wor­den sind. Der Begriff „Stadt­bau” kann folg­lich ebenso gut für Aus­bes­se­rungs– oder Umbau­ar­bei­ten benutzt wor­den sein. Dazu kommt, dass Koblenz längst über die Gren­zen der Bezirke inner­halb der Kas­tell­mauer und an der heu­ti­gen Basi­lika St. Kas­tor hin­aus­ge­wach­sen war. Beide Berei­che wur­den inzwi­schen durch die neue Kas­tor­straße ver­bun­den. Auch die west­li­che Alt­stadt war im Gebiet der heu­ti­gen Wei­ßer Gasse deut­lich gewach­sen. Nicht ver­ges­sen wer­den sollte auch die Achse der Löhr­straße, die bereits in der Spät­an­tike und im Früh­mit­tel­al­ter ein Hand­wer­ker­be­zirk gewe­sen war. Die Bei­spiele zeig­ten: Wer eine neue Mauer plante, musste daran den­ken, auch diese Berei­che einzubeziehen.

Undeut­li­che Spuren

Abge­se­hen von den gro­ßen Stifts­bau­ten St. Kas­tor und St. Flo­rin, zu denen neben Kreuz­gän­gen auch Gemein­schafts­bau­ten und Ein­zel­bau­ten der Stifts­her­ren gehö­ren, ist es kaum mög­lich, das Stadt­bild von Koblenz im frü­hen Hoch­mit­tel­al­ter zu rekon­stru­ie­ren. Das liegt nicht nur an den schwe­ren Zer­stö­run­gen des 17. Jahr­hun­derts. Bereits weit frü­her ist durch Kriege, Feh­den oder Stadt­brände ein gro­ßer Teil der älte­ren Bau­sub­stanz ver­nich­tet wor­den. Infor­ma­tio­nen über diese Aus­ein­an­der­set­zun­gen sind rar. Zu nen­nen sind beson­ders der Kampf Phil­ipps I. von Schwa­ben gegen den Wei­fen Otto IV. vor der Stadt im aus­ge­trock­ne­ten Fluss­bett der Mosel (1198), der Stadt­brand von 1245 und das Feuer auf dem Kas­tor­hof 1511.

In den his­to­ri­schen Koblen­zer Bür­ger­häu­sern erin­nern heute noch einige Kel­ler, die bereits früh in Stein aus­ge­führt wor­den sind, an das Mit­tel­al­ter. Vor den Bom­ben­näch­ten des Zwei­ten Welt­krie­ges konnte man außer­dem an ver­schie­de­nen Stel­len roma­ni­sche Gie­bel­wände ent­de­cken. Im Regel­fall domi­nierte im mit­tel­al­ter­li­chen Koblenz – wie in den meis­ten Städ­ten nörd­lich der Alpen – die Fach­werk­bau­weise. Das heißt: Die Gebäude waren meist ohne Kel­ler aus Holz, Stroh und Lehm errich­tet wor­den und konn­ten bei Bedarf wie Bau­kas­ten­häu­ser wie­der abge­baut und an ande­rer Stelle neu auf­ge­baut wer­den. Dass diese Pra­xis gän­gig war, lässt sich seit dem 13. Jahr­hun­dert auch aus mit­tel­al­ter­li­chen Urkun­den ablei­ten. So wer­den Fach­werk­häu­ser in Tes­ta­men­ten als „Mobi­lien“ erwähnt, wäh­rend nur Stein­häu­ser als Immo­bi­lien genannt wer­den. Des­we­gen ist es heute schwie­rig, diese ein­fa­chen Gebäude auf­zu­spü­ren. Eine Aus­nahme ist ein Fund aus den frü­hen 80er-Jahren im Bereich der spä­te­ren Rat­haus­pas­sage. Damals gelang es Lan­des­ar­chäo­lo­gen, den Grund­riss eines Fachwerk-Ständerbaus frei­zu­le­gen. Haus­grund­risse, Kel­ler, Abfall­gru­ben und Brun­nen wur­den auch bei den Aus­schach­tungs­ar­bei­ten am Ende der Wei­ßer Gasse (Nr. 53) ent­deckt. Beson­ders fie­len die Über­reste zweier klei­ner, ehe­mals in Pfos­ten­bau­weise errich­te­ter Fach­werk­häu­ser auf, die einst ein Brand zer­stört hatte. Erhal­ten geblie­ben waren auch die Fun­da­mente eines Kel­lers aus Bruchstein-Trockenmauerwerk.

Die Aus­gra­bun­gen in der Wei­ßer Gasse sind ein Hin­weis dar­auf, dass das mit­tel­al­ter­li­che und vorba­ro­cke Koblenz von den Dar­stel­lun­gen auf den frü­hen Stadt­an­sich­ten des 16. Und 17. Jahr­hun­derts erheb­lich abweicht: Ein­fa­che Häu­ser, die heute längst ver­schwun­dene Gas­sen von­ein­an­der trenn­ten, füh­ren uns in eine „fremde” Stadt, deren eins­ti­ges Aus­se­hen heute nur noch in Bruch­stü­cken nach­ge­zeich­net wer­den kann.

Das Hoch­mit­tel­al­ter

1024 Der Salier Kon­rad II. wird König und regiert bis zu sei­nem Tod 1039. Kon­rad wird 1027 zum Kai­ser gekrönt.

1039 Hein­rich III. wird König und erlangt 1047 die Kaiserwürde.

1042 Kai­ser Hein­rich III. schenkt dem Trie­rer Stift St. Simeon den Koblen­zer Markt– und Schiffszoll.

1056 Hein­rich IV. wird König, wobei zunächst seine Mut­ter Agnes von Poi­tou, ab 1062 die Erz­bi­schöfe von Köln und Bre­men die Regent­schaft über­neh­men. 1066 regiert Hein­rich allein. Lang­jäh­rige Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit den Fürs­ten. Auf­stieg des königs­treuen nie­de­ren Adels. Unter­wer­fung der Sachsen.

1074 Beginn der Aus­ein­an­der­set­zung Hein­richs IV. mit dem Papst­tum. Der soge­nannte Inves­ti­tur­streit bringt die Abset­zung und Exkom­mu­ni­ka­tion des Königs durch Papst Cle­mens VII. Hein­rich tritt Ende Januar 1077 sei­nen berühm­ten Canos­sa­gang an und erzwingt dadurch die Auf­he­bung des Banns gegen ihn.

1105 Tref­fen des Kai­sers Hein­richs IV. mit sei­nem Sohn Hein­rich V. in Lüt­zel­ko­blenz. Hin­ter­grund: Ein Jahr zuvor hatte sich der Sohn auf die Seite der Fürs­ten gestellt und war vom Papst aner­kannt worden.

1106 Hein­rich IV. muss abdan­ken und stirbt in Lüt­tich. Sein Sohn Hein­rich V. regiert bis 1125.

1147 Erste Erwäh­nung einer Rhein­fähre zwi­schen Koblenz und Ehrenbreitstein.

1162 Oder frü­her: Der Trie­rer Erz­bi­schof Hil­lin errich­tet auf der Burg Ehren­breit­stein einen Turm. Dar­über hin­aus ent­ste­hen eine Zis­terne und ein tie­fer Gra­ben. Schließ­lich lässt Hil­lin die erz­bi­schöf­li­chen Wohn­räume ausbessern.

1198 Schlacht zwi­schen König Phil­ipp von Schwa­ben und Otto IV. im aus­ge­trock­ne­ten Fluss­bett der Mosel bei Koblenz.

1200 Oder frü­her: Erwäh­nung einer Zwin­ger­mauer für Koblenz, die aller­dings weder archäo­lo­gisch noch bau­his­to­risch nach­weis­bar ist.

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Stadtgeschichte 9: Zeitenwende in Koblenz

Blick auf die Koblenzer Altstadt aus Flugrichtung Ost im August 2010. Gut zu erkennen ist der Verlauf des ehemaligen Kastellgrabens, der die Kernbereiche einschloss. Diese werden von der älteren Forschung als Standort des fränkischen Königshofs interpretiert, der auch in der Schenkungsurkunde von 1018 genannt wird. Foto: Thomas Frey

Blick auf die Koblen­zer Alt­stadt aus Flug­rich­tung Ost im August 2010. Gut zu erken­nen ist der Ver­lauf des ehe­ma­li­gen Kas­tell­gra­bens, der die Kern­be­rei­che ein­schloss. Diese wer­den von der älte­ren For­schung als Stand­ort des frän­ki­schen Königs­hofs inter­pre­tiert, der auch in der Schen­kungs­ur­kunde von 1018 genannt wird. Foto: Tho­mas Frey

Koblenz. Zeitenwende an Rhein und Mosel: Im Dezem­ber 1018 gehört das Kron­gut Koblenz der Ver­gan­gen­heit an. Fortan haben die Trie­rer Erz­bi­schöfe das Sagen. Daran wird sich bis zum Ende des 18. Jahr­hun­derts nichts mehr ändern.

Die Wei­chen für diese Ent­wick­lung waren früh gestellt wor­den. Bereits in der Regie­rungs­zeit Lud­wig des From­men war der Ein­fluss des Kle­rus gewach­sen. Schon die kom­pli­zierte Grün­dungs­ge­schichte des Stifts St. Kas­tor zeigt: Bereits Erz­bi­schof Hetti hatte ein gro­ßes Macht­be­wusst­sein und drängte dar­auf, den Ein­fluss Triers am Rhein aus­zu­bauen und zu fes­ti­gen. Aller­dings sollte sich gerade am Bei­spiel von Koblenz zei­gen, dass sich der Kle­rus im 9. und 10. Jahr­hun­dert nicht gegen die ost­frän­ki­schen Könige stellte. Ganz im Gegen­teil: Er trug dazu bei, deren Macht zu fes­ti­gen. Denn die nach dem Aus­ster­ben der ost­frän­ki­schen Karo­lin­ger auf den Thron geho­be­nen Herr­scher hat­ten kei­nen leich­ten Stand.

Die mäch­ti­gen Her­zöge ver­such­ten, den Ein­fluss ihrer Könige zu beschnei­den – und an den Gren­zen des Rei­ches droh­ten immer wie­der ver­lust­rei­che Waf­fen­gänge. Nicht ein­mal der eige­nen Fami­lie konn­ten die Herr­scher ver­trauen, was sich beson­ders in der Zeit der säch­si­schen Mon­ar­chen zei­gen sollte. Diese waren zwar einer­seits bestrebt, ihren Macht­be­reich im Nor­den, Süden und vor allem im Osten des Rei­ches aus­zu­bauen, muss­ten aber ande­rer­seits in ihren Kern­be­rei­chen für sta­bile Ver­hält­nisse sor­gen. Auf Dauer war die­ser Spa­gat nicht zu meis­tern. Das erkannte spä­tes­tens Hein­rich II., der seit 1002 an der Spitze des Ost­fran­ken­reichs stand. Hein­rich, seit 1014 auch Kai­ser, erkannte, dass die Loya­li­tät des hohen Kle­rus ihren Preis hatte. Er musste des­halb die Macht die­ser Getreuen stär­ken, ihre Aus­stat­tung ver­bes­sern und gleich­zei­tig sei­nen Ein­fluss wah­ren. Wie schwie­rig die Umset­zung in der Pra­xis sein konnte, kann man gut am Bei­spiel des Erz­bis­tums Trier sehen.

Megingaud musste „umziehen“

Bereits 1008 sorgte Hein­rich II. dafür, dass das Trie­rer Dom­ka­pi­tel Megingaud (oder Megin­god) zum neuen Erz­bi­schof wählte. Der wahr­schein­lich aus Main­fran­ken stam­mende Geist­li­che war bereits Mit­glied der Hof­ka­pelle Ottos III. gewe­sen und hatte sich als Dom­propst in Mainz bewährt. Den Gra­fen von Luxem­burg gefiel diese Wahl über­haupt nicht. Adal­bero von Luxem­burg wurde Gegen­erz­bi­schof, Megingaud musste nach Koblenz aus­wei­chen. Dabei blieb es fak­tisch bis zu sei­nem Tod am 24. Dezem­ber 1015. Zwar hatte der Luxem­bur­ger zu die­sem Zeit­punkt auf ihre Ansprü­che ver­zich­tet, doch blie­ben die Macht­ver­hält­nisse labil, weil der Gegen­erz­bi­schof nach wie vor die Burg hielt. Das konnte Hein­rich II. nicht gefal­len. Erneut setzte er auf eine Per­sön­lich­keit, die sich aus sei­ner Sicht bewährt hatte: Poppo von Baben­berg. Der erste Dom­propst des jun­gen Bis­tums Bam­berg wurde 1016 zum Trie­rer Erz­bi­schof gewählt. Mit der Neu­be­set­zung waren die Pro­bleme aller­dings nicht gelöst. Die Luxem­bur­ger blie­ben gefährlich.

Es lag nicht nur im Inter­esse des neuen Erz­bi­schofs, son­dern auch des Kai­sers, das alte Königs­gut an Rhein und Mosel zu stär­ken. Hein­rich war des­halb bereit, den alten Kas­tell­ort abzu­ge­ben. Die eige­nen Kräfte waren unter ande­rem infolge der Feld­züge in Ita­lien und gegen die Polen gebun­den. Und so kam es zu jener fol­gen­rei­chen Schen­kung von 1018: Damit ging das alte Kas­tell mit allen zuge­hö­ri­gen Gütern und Ein­künf­ten an den Erz­bi­schof Poppo von Baben­berg und seine Nach­fol­ger. Die­ser war damit berech­tigt, den Stand­ort aus­zu­bauen, was auch Fol­gen für die Bau­tä­tig­keit auf dem Ehren­breit­stein haben sollte. Die berühmte Schen­kungs­ur­kunde wird heute im Lan­des­haupt­ar­chiv auf­be­wahrt und gibt heute wegen ihres knap­pen Inhal­tes nach wie vor brei­ten Raum für Inter­pre­ta­tio­nen. Nur soviel steht fest: Koblenz war zu die­sem Zeit­punkt noch keine Stadt. Die wich­tige Quelle nennt einen Hof genannt Koblenz (cur­tem nomine Con­flu­en­ti­nam) sowie ein Stift oder eine Abtei (abba­tia). Mehr nicht. Und des­halb ging die For­schung lange davon aus, dass der Hof der Bereich des Kas­tells und das Stift die Flor­ins­kir­che war.

Der Auf­stieg von St. Florin

Begrün­det wird diese Aus­le­gung mit der Tat­sa­che, das sowohl die Könige als auch der Hoch­adel an Rhein und Lahn das ganze 10. Jahr­hun­dert hin­durch bestrebt waren, Koblenz zu einem bedeu­ten­den geist­li­chen Zen­trum für die Groß­re­gion zu machen. In die­sem Kon­text steht zwei­fel­los auch der Auf­stieg des Stif­tes St. Flo­rin, des­sen Kir­che land­läu­fig als Nach­fol­ger der auch von König Otto I. geför­der­ten Pfalz­ka­pelle gese­hen wird. Archäo­lo­gi­schen Unter­su­chun­gen haben jedoch gezeigt, dass diese Inter­pre­ta­tion frag­wür­dig ist. Dage­gen steht auch die Tat­sa­che, dass die Topo­gra­fie von Koblenz eine andere war als wir sie heute kennen.

Auf dem Ehren­breit­stein ent­steht eine mäch­tige Burg

Ohne eine Erwäh­nung des Ehren­breit­steins wäre eine Dar­stel­lung der Geschichte von Koblenz im Mit­tel­al­ter unvoll­stän­dig. Klar ist: Die heu­tige Fes­tung hat eine Vor­ge­schichte, die min­des­tens 3000 Jahre zurück­reicht. Sicher dürfte auch sein, dass auf den Res­ten einer spät­rö­mi­schen Ver­tei­di­gungs­an­lage eine frühe mit­tel­al­ter­li­che Befes­ti­gung ent­stand. In den schrift­li­chen Quel­len wird der Aus­bau auf dem Fes­tungs­pla­teau jedoch erst um das Jahr 1000 fass­bar. Die Quel­len nen­nen einen Ehren­bert oder Ehren­brecht, der die erste Burg errich­ten ließ. Der Namens­ge­ber von Berg und Fes­tung stammte aus einem lahngauisch-konradinischen Gra­fen­ge­schlecht. Infolge der Schen­kung des Königs­gu­tes Koblenz an die Erz­bi­schöfe von Trier wech­selte auch die frühe Burg den Besit­zer. Denn Erz­bi­schof Poppo hatte ein star­kes Inter­esse daran, sein neues Gebiet gegen seine Wider­sa­cher zu schüt­zen. Infolge der Schen­kung von 1018 hatte er auch rechts­rhei­ni­sche Gebiete über­nom­men. Nun galt es, den Brü­cken­kopf mit einem star­ken Boll­werk zu sichern. Die trie­ri­sche Burg wird erst­mals 1129 urkund­lich erwähnt. Die Anlage wurde nach und nach zur sichers­ten Fes­tung der Trie­rer ausgebaut. 

Darstellung Heinrichs II. aus der Staatsbibliothek Bamberg.
Dar­stel­lung Hein­richs II. aus der Staats­bi­blio­thek Bamberg.

Die säch­si­schen Könige

919 Nach dem Tod von König Kon­rad I. von Fran­ken beginnt die Ära der säch­si­schen Kai­ser. Hein­rich I. wird zum König erho­ben und regiert bis 936. Es sind krie­ge­ri­sche Zei­ten. Der König muss Gegen­kö­nig Arnulf von Bay­ern bezwin­gen und sich gegen Sla­wen und Ungarn behaup­ten. Hein­rich gewinnt auch in Loth­rin­gen die Ober­hand. Das Her­zog­tum wird Teil des Ost­reichs. Her­zog Gisel­bert hei­ra­tet die Königs­toch­ter Gerberga. 

936 Otto I. (der Große) wird in Aachen inthro­ni­siert. Der Sohn Hein­richs regiert bis 973. Höhe­punkt sei­ner Amts­zeit wird die Kai­ser­krö­nung 962. 

939 Die mäch­ti­gen Her­zöge Eber­hard von Fran­ken, Gisel­bert von Loth­rin­gen und Ottos Bru­der Hein­rich erhe­ben sich gegen den König. Die Ent­schei­dung fällt in der Schlacht von Ander­nach. Her­mann von Schwa­ben schlägt den Auf­stand nie­der. Eber­hard und Gisel­bert kom­men um, Hein­rich über­lebt und unter­wirft sich zwei Jahre spä­ter. Otto ver­teilt die Her­zog­tü­mer neu, muss aber wei­ter­hin kämpfen.

955 In der Schlacht auf dem Lech­feld süd­lich von Augs­burg (10. August) sie­gen die Trup­pen Ottos über die Ungarn. Im Okto­ber wer­den auch die Sla­wen unter­wor­fen, die mis­sio­niert wer­den. Neue Bis­tü­mer ent­ste­hen, die Schwer­punkte ver­la­gern sich nach Osten.

973 Otto II. regiert das Reich. In sei­ner zehn­jäh­ri­gen Herr­schaft kommt es immer wie­der zu Kon­flik­ten. Otto unter­nimmt Feld­züge gegen Dänen und Sla­wen und wird in Bay­ern aktiv.

983 Gro­ßer Sla­wen­auf­stand. Die ost­el­bi­schen Gebiete gehen ver­lo­ren. Auch in den ita­lie­ni­schen Gebie­ten des Reichs ist es unru­hig. Bereits ein Jahr zuvor gab es bei Cotrone in Kala­brien eine Nie­der­lage gegen Ara­ber. Nach dem Tod Ottos II. kommt Sohn Otto auf den Thron. Aller­dings über­nimmt seine Mut­ter Theo­phanu, die Nichte des ost­rö­mi­schen Kai­sers, bis 995 die Vormundschaft.

1002 Nach dem frü­hen Tod Ottos III. wird Hein­rich II. König des Ost­fran­ken­reichs. Im Gegen­satz zu sei­nen Vor­gän­gern kon­zen­triert sich der eben­falls aus dem Geschlecht stam­mende Sohn des baye­ri­schen Her­zogs Hein­rich II. (der Zän­ker) auf die Kern­ge­biete und die östli­chen Teile des Reichs. Ita­lien spielt für ihn nur wegen der Kai­ser­krone eine Rolle, die er erst 1014 erlangt. Zur Siche­rung sei­ner Herr­schaft gegen die macht­be­wuss­ten Her­zöge setzt Hein­rich auf den loya­len Kle­rus, was auch Fol­gen für das Kron­gut Koblenz haben wird.

1007 Das Bis­tum Bam­berg wird als Basis zur Mis­sio­nie­rung der Mains­la­wen gegrün­det. Dom­propst wird Poppo von Baben­berg, der spä­tere Stadt­herr von Koblenz. Der Sohn des Mark­gra­fen Leo­polds I. von Öster­reich war in Regens­burg erzo­gen worden.

1015 Nach dem Tod des kai­ser­treuen, aber umstrit­te­nen Erz­bi­schofs Megingaud wird Poppo von Baben­berg von Hein­rich II. zum neuen Erz­bi­schof bestimmt.

1018 Koblenz ist kein Königs­gut mehr. Kai­ser Hein­rich II. schenkt den eins­ti­gen Kas­tell­ort und Königs­hof mit allen damit ver­bun­de­nen Rech­ten der Trie­rer Kir­che. Die Erz­bi­schöfe von Trier sind damit nicht mehr nur die geist­li­chen, son­dern auch die welt­li­chen Herren.

1024 Kon­rad II. kommt auf den Thron, die Ära der Salier beginnt.

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Stadtgeschichte 8: Kampf um das Frankenreich

Das Treffen der Frankenkönige Karl der Kahle, Ludwig der Deutsche, und Lothar II. am 1. Juni 860 hat der Koblenzer Künstler Anton Becker in einem riesigen Wandbild im „Brunnenhof Königspfalz“ festgehalten. Eigentlich befinden sich Bild und Hofname an einer falschen Stelle: Das Treffen der drei Herrscher hat mit Sicherheit im Bereich der heutigen Basilika St. Kastor stattgefunden. Foto: Reinhard Kallenbach

Das Tref­fen der Fran­ken­kö­nige Karl der Kahle, Lud­wig der Deut­sche, und Lothar II. am 1. Juni 860 hat der Koblen­zer Künst­ler Anton Becker in einem rie­si­gen Wand­bild im „Brun­nen­hof Königs­pfalz“ fest­ge­hal­ten. Eigent­lich befin­den sich Bild und Hof­name an einer fal­schen Stelle: Das Tref­fen der drei Herr­scher hat mit Sicher­heit im Bereich der heu­ti­gen Basi­lika St. Kas­tor statt­ge­fun­den. Foto: Rein­hard Kallenbach

Koblenz. 1. Juni 860. Koblenz, das spä­tes­tens seit dem Ver­trag von Ver­dun als grenz­nahe Stadt wie­der eine große stra­te­gi­sche Bedeu­tung hat, wird Schau­platz eines denk­wür­di­gen Schau­spiels: Die Könige Lud­wig der Deut­sche, Karl der Kahle und Lothar II. tref­fen sich, um für die drei seit 17 Jah­ren beste­hen­den Teil­rei­che ver­nünf­tige Rah­men­be­din­gun­gen zu schaf­fen. Gesprächs­stoff haben die drei Herr­scher genug. Denn spä­tes­tens seit der Zeit Lud­wigs des From­men, der von 817 bis 840 regierte, dür­fen die fami­liä­ren Ver­hält­nisse mit Fug und Recht als zer­rüt­tet bezeich­net werden.

Das Koblen­zer Tref­fen, das der Künst­ler Anton Becker 2007 in einem his­to­ri­sie­ren­den Groß­bild im Brun­nen­hof zwi­schen Flor­ins­pfaf­fen­gasse und Mehl­gasse fest­ge­hal­ten hat, stand am Ende einer lan­gen Reihe von krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen. Die Bünd­nisse ver­än­der­ten sich, und die Betei­lig­ten tra­fen sich dort, wo es gerade am güns­tigs­ten war. Zwar hatte jeder Herr­scher einen Lieb­lings­ort, doch gab es keine Haupt­stadt. Koblenz kam allen Teil­neh­mern des Tref­fens ent­ge­gen. Der eins­tige Kas­tell­ort lag quasi im Her­zen des „schma­len“ Mit­tel­reichs Lothars, sodass sich der Auf­wand für die drei Könige in für dama­lige Ver­hält­nisse ver­nünf­ti­gen Gren­zen hielt.

Die Kon­fe­renz von 857

Schon drei Jahre vor dem denk­wür­di­gen „Pfingst­tref­fen“ 860 hat­ten sich Lud­wig der Deut­sche und Lothar II. in Koblenz getrof­fen. Dr. Diet­mar Flach, der die Herr­scher­auf­ent­halte bis zum hohen Mit­tel­al­ter unter­sucht hat, weist auf eine Erwäh­nung in den berühm­ten Ful­daer Anna­len hin. Die im 9. Jahr­hun­dert ver­fass­ten Jah­res­be­richte sagen jedoch nichts über die Inhalte. Aber man muss kein Hell­se­her sein, worum es damals ging: Karl der Kahle (823 – 877) war nicht nur mäch­tig, son­dern auch ehr­gei­zig. Er wollte mehr Land und die Kai­ser­würde (die er 875 auch erlan­gen sollte). Doch vor­erst ging es darum, im drei­ge­teil­ten Fran­ken­reich ein Gleich­ge­wicht her­zu­stel­len. Doch jeder König suchte sei­nen Vor­teil. Und so ver­wun­derte es nicht, dass die in Koblenz erziel­ten Ergeb­nisse gerade mal ein Jahr Bestand hat­ten. Im Mai 858 sollte es ein neues Tref­fen der bei­den Herr­scher in Koblenz geben, doch ver­setzte Lothar II. König Ludwig.

Bünd­nis gegen Ludwig

Wäh­rend Lud­wig in Koblenz weilte, ver­han­delte Lothar mit Karl dem Kah­len. Wit­ter­ten die Zeit­ge­nos­sen ein Bünd­nis der bei­den gegen Lud­wig, zeigte sich schnell, dass der Ost­franke selbst kein Kind von Trau­rig­keit war. Lud­wig dul­dete, dass seine Heer­scha­ren im August ins Reich Karls ein­fie­len. Er erreichte damit aber nur, dass das Bünd­nis gegen ihn 859 sogar gefes­tigt wurde. Der Fall war klar: Um Schlim­me­res zu ver­hin­dern, musste man mit­ein­an­der sprechen.

Wohl auf Initia­tive Lud­wigs kamen Vor­ver­hand­lun­gen in Gang. Im Juni 859 folgte schließ­lich ein Tref­fen der drei Könige auf einer Rhein­in­sel zwi­schen Ander­nach und Koblenz. His­to­ri­ker gehen davon aus, dass die Zusam­men­kunft wohl auf der Insel Nie­der­werth statt­fand. Die Vor­aus­set­zun­gen waren für die ver­fein­de­ten Könige ideal. Ihre Heere konn­ten an den Ufern des Rheins blei­ben, wäh­rend sie auf der Insel ver­han­deln konn­ten, ohne Gefahr zu lau­fen, von der Gegen­seite über­wäl­tigt zu werden.

Die Wahl des Treff­punk­tes zeigt, dass die Stim­mung jeder­zeit kip­pen konnte. Aber immer­hin: Man sprach wie­der mit­ein­an­der, wei­tere Tref­fen wur­den ver­ein­bart. Aber schon das abge­spro­chene Herbst­tref­fen in Basel zeigte, wie brü­chig der Pakt war. Erneut saß Lud­wig allein da.

Hin­ter­gründe des „Pfingsttreffens“

Trotz der Span­nun­gen dürfte es den Akteu­ren bewusst gewe­sen sein, dass sie es nicht ris­kie­ren konn­ten, die Teil­rei­che end­gül­tig aus­ein­an­der­drif­ten zu las­sen. Es bedurfte einer gro­ßen Geste und eines Tref­fens mit sym­bo­li­scher Strahl­kraft. Und genau diese Zusam­men­kunft kam in Koblenz zustande. Es muss eine beein­dru­ckende Sze­ne­rie gewe­sen sein, die sich beim Ein­tref­fen der Herr­scher und ihrer Gefolge am Zusam­men­fluss von Rhein und Mosel for­mierte. Das Tref­fen inspi­riert bis auf den heu­ti­gen Tag, wie man heute im soge­nann­ten Brun­nen­hof Königs­pfalz sehen kann.

Fest ste­hen dürfte, dass ein sol­ches Groß­tref­fen unmög­lich im alten Stein­kas­tell statt­fin­den konnte. Wahr­schein­li­cher sind das Umfeld der Kas­tor­kir­che und das Got­tes­haus selbst. Dort stan­den zur dama­li­gen Zeit „Neu­bau­ten“, die den Akteu­ren einen Min­dest­kom­fort bie­ten konn­ten. Gerade diese Tat­sa­che wirft eine zen­trale Frage auf: Wie groß war Koblenz im 9. Jahr­hun­dert? Die Ant­wort liegt nahe, sie ist aller­dings hoch­spe­ku­la­tiv. Den­noch sollte man davon aus­ge­hen, dass es nicht nur die bei­den Kern­be­rei­che inner­halb der spät­an­ti­ken Stadt­mauer und bei St. Kas­tor gege­ben hat. Auch andere Berei­che im Gebiet der heu­ti­gen Innen­stadt müs­sen zu die­ser Zeit besie­delt gewe­sen sein. Denn wo große Tref­fen statt­fin­den, musste es auch Bau­ern und Hand­wer­ker geben, die zur Ver­sor­gung der Gefolge bei­tra­gen konnten.

Die Leere war nicht leer

Schon allein vor die­sen Hin­ter­grün­den dürfte klar sein, dass die Berei­che außer­halb des alten Kas­tells nicht so „leer“ gewe­sen sind, wie in der alte­ta­blier­ten Stadt­ge­schichts­for­schung behaup­tet wird. Als Argu­ment für diese „Leere“ wur­den immer wie­der die alte Flur­na­men „Lere” („Lera”, „Leyr”) für die­sen Bereich der heu­ti­gen Innen­stadt mit dem Wort „leer” in Ver­bin­dung gebracht. Diese Her­lei­tung ist schon allein ety­mo­lo­gisch bedenk­lich, zum ande­ren ist archäo­lo­gisch belegt, dass es in der „lee­ren“ Löhr­straße als Teil einer spät­an­ti­ken Aus­fall­straße auch im frü­hen Mit­tel­al­ter Hand­werks­ak­ti­vi­tä­ten gege­ben hat. Nicht umsonst wies Pfar­rer Wil­helm Arnold Gün­ther bereits 1813 auf die einst in der Nähe des Kas­tell­gra­bens vor­han­de­nen Ger­be­reien mit ihren Loh­gru­ben hin, von denen sich die „Löhr­straße“ ablei­tet. Somit weist die Stra­ßen­be­zeich­nung auch heute noch auf die einst in Koblenz ansäs­si­gen Ger­ber hin, die erst­mals in einem Rats­pro­to­koll von 1671 schrift­lich erwähnt sind. Damals beschloss der Stadt­rat die Ver­le­gung der Ger­be­reien nach Lützel.

Rei­che drif­ten auseinander

Trotz sei­ner zwei­fel­los hohen poli­ti­schen Bedeu­tung blieb dem Koblen­zer Tref­fen keine lange Wir­kung beschie­den. Die Karo­lin­ger strit­ten und ver­han­del­ten wei­ter. Am Ende zer­brach das Reich. Wäh­rend sich im Wes­ten all­mäh­lich die Bil­dung eines Natio­nal­staa­tes abzeich­nete, gewan­nen im Osten Her­zöge und Kle­rus immer mehr an Ein­fluss. Die Könige gerie­ten in die Defensive.

Zeit der Konflikte

817 Kai­ser Lud­wig der Fromme trifft eine Ent­schei­dung mit weit­rei­chen­den Fol­gen. Per Reichs­ord­nung wird fest­ge­legt, dass die Kai­ser­würde auf den ältes­ten Sohn Lothar über­geht. Die Söhne Pip­pin und Lud­wig sol­len Teil­rei­che erhalten.

829 Lud­wig der Fromme ver­stößt gegen seine eigene Rege­lung, weil er auch für Karl den Kah­len, den Sohn sei­ner zwei­ten Frau Judith, vor­sor­gen will. Für Karl wird im Süd­wes­ten des heu­ti­gen Frank­reichs das wei­tere Teil­reich Ala­man­nien geschaffen.

830 Lothar, Lud­wig und Pip­pin empö­ren sich gegen den Vater. Lothar lässt sich in Ita­lien von Papst Pascha­lis I. sogar zum Regen­ten krö­nen. Die Situa­tion eska­liert. Nur drei Jahre spä­ter kommt es zum zwei­ten Kon­flikt mit dem Vater. Als Kai­ser Lud­wig dem Sohn Pip­pin Aqui­ta­nien nimmt, wird Lud­wig der Fromme vor­über­ge­hend abge­setzt. Nach dem Tod Pip­pins (838) ent­spannt sich die Situa­tion. Karl der Kahle behält Aquitanien.

836 Voll­en­dung und Weihe der karo­lin­gi­schen Kas­tor­ki­che. Kai­ser Lud­wig der Fromme weilt in Koblenz.

840 Nach dem Tod Lud­wigs des From­men ver­bün­den sich die Söhne Lud­wig der Deut­sche und Karl der Kahle gegen den Bru­der und neuen Kai­ser Lothar I.

842 In Koblenz lau­fen die Vor­be­rei­tun­gen für die Tei­lung des Fran­ken­reichs. Am 18. März und am 19. Okto­ber wird die Kas­tor­kir­che Schau­platz wich­ti­ger Ver­hand­lun­gen, die zunächst von Gesand­ten Lud­wigs, des­sen Sohn Karl­mann und Karl dem Kah­len geführt wer­den. Im sel­ben Jahr beschwö­ren Karl und Lud­wig ihr Bünd­nis in den berühm­ten Straß­bur­ger Eiden, die das älteste Doku­ment der alt­hoch­deut­schen und alt­fran­zö­si­schen Spra­che sind.

843 Ver­trag von Ver­dun: Karl der Kahle erhält den Wes­ten, Lud­wig der Deut­sche den Osten und Lothar I. die Mitte. Den­noch bleibt die Reichs­ein­heit beste­hen. Zwei Jahre danach fal­len Nor­man­nen in die nörd­li­chen Reichs­teile ein. Ham­burg wird zer­stört, die Angrei­fer drin­gen bis an den Mit­tel­rhein vor. Ob Koblenz betrof­fen war, ist unklar.

870 Nach dem Tod Lothars II. wird das Fran­ken­reich im Ver­trag von Mer­sen neu auf­ge­teilt. Lothars Sohn Lud­wig II. bleibt nur noch Nord­ita­lien. Lud­wig der Deut­sche herrscht jetzt auch über die Ost­hälfte Loth­rin­gens und Aachen. Als Lud­wig II. stirbt, über­nimmt Karl der Kahle Norditalien.

876 Tod Lud­wigs des Deut­schen. Karl der Kahle ver­sucht, sei­nen Macht­be­reich zu erwei­tern und die Ost­hälfte Loth­rin­gens an sich zu rei­ßen. In der Ers­ten Schlacht bei Ander­nach besiegt Lud­wigs Sohn, Lud­wig III., Kai­ser den Kahlen.

880 Die Kon­flikte füh­ren schließ­lich zum Ver­trag von Ribe­mont, der die Gren­zen zwi­schen den spä­te­ren deut­schen und fran­zö­si­schen Gebie­ten für das ganze Mit­tel­al­ter fest­schreibt, obwohl die Karo­lin­ger trotz ihrer Kon­flikte auf die Ein­heit des Rei­ches pochen.

919 Nach dem Aus­ster­ben der ost­frän­ki­schen Karo­lin­ger ent­wi­ckeln sich das west­frän­ki­sche und ost­frän­ki­sche Reich end­gül­tig aus­ein­an­der. Die Gro­ßen des ost­frän­ki­schen Reichs wäh­len schließ­lich Kon­rad I. von Fran­ken zum König, der sich aber gegen­über den mäch­ti­gen Her­zö­gen nicht durch­set­zen kann. Gewin­ner die­ses Kon­flik­tes sind am Ende die hohen geist­li­chen Würdenträger.

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